Hindenburgstraße – langer Streit um ein kurzes Stück Weg

Reichspräsident Hindenburg auf einem Besuch in der hessischen Landeshauptstadt Darmstadt 1925.

Reichspräsident Hindenburg auf einem Besuch in der hessischen Landeshauptstadt Darmstadt 1925.

Der Kollege Gruner bezieht in seinem ECHO-Kommentar zur Hindenburgstraße klar Stellung. Wir posten ihn an dieser Stelle. Was ist denn eure Meinung zu einer möglichen Umbennennung in „Halit-Yozgat-Straße“? Zum ECHO-Artikel geht es hier. (ale)
————–
Von Paul-Hermann Gruner
Kommentar: Adé Unheilfigur

Gewinnt Darmstadt durch die Erinnerung an Paul von Hindenburg? Ist der einstige Weltkriegsgeneral und Reichspräsident (1925-1934) eine positiv identitätsstiftende Figur der deutschen Geschichte? Steht der Name Hindenburg im Kontext glücklicher Wegemarken und Wendepunkte der europäischen Historie? Die Antworten: Nein, nein, nein. Das Problem: Die Darmstädter haben eine Hindenburgstraße.
Seit 1859 gab es sie als „Bahnhofstraße“, 1915 wurde sie aufgrund der Apotheose des Generals als „Befreier des Ostens“, „Retter Ostpreußens“ und Sieger der Schlacht von Tannenberg im August 1914 umbenannt in Hindenburgstraße. Rein militärisch gesehen: eine strategische Leistung, die eingedrungenen russischen Armeen in kurzer Zeit zu desorientieren und zu besiegen, damit den Zweifrontenkrieg des deutschen Reiches zu entlasten. Allerdings hatte das Konzept dazu Stabschef Ludendorff ersonnen. Hindenburg wurde so bereits 1915 ein seltsamer Kriegsgewinnler, weil Etikettenschwindler. Ein eitler Militär, zeitlebens zielstrebig mit der Herstellung des eigenen Mythos beschäftigt. Im Grunde ein früher Selbst-Marketing-Experte. Dazu ein gnadenlos verharmlosender Schwätzer: „Der Krieg bekommt mir wie eine Badekur“, schrieb er damals in privaten Korrespondenzen.

Die Hindenburgstraße ist keine kleine Sackgasse am östlichen Stadtrand, sondern Teil einer wichtigen vierspurigen Nord-Süd-Achse Darmstadts. Das macht das Problem einer nötigen Umbenennung nicht größer, seine Lösung jedoch drängender. Der altersschwache, greise Reichspräsident war der zentrale Hitler-Ermöglicher in der späten Agonie der Weimarer Republik. Kein Hitler-Förderer, gewiss, lange Zeit ein Hitler-Skeptiker, aber in seiner Funktion eben stets ein verkappter Monarchist mit autoritärem Gesellschaftsbild, nie ein überzeugter oder wenigstens gelernter Demokrat, der dem drohend aufziehenden Totalitarismus die Stirn hätte bieten können. Dass er damals mit diesem katastrophalen Schwächeanfall von menschlichem Anstand und staatslenkerischer Basiskompetenz nicht allein stand, tröstet nicht und rettet ihn nicht vor dem heutigen, klar zu fällenden Urteil. Resümee: Eine Hindenburgstraße ist nicht mehr tragbar in einem urban-lebendigen, liberalen, weltoffenen Darmstadt. Und damit Punkt.
Im Herbst 2005 hatte die Straßenbenennungskommission schon einmal – einstimmig! – die Umbenennung der Straße beschlossen. Aus vielerlei Gründen, inklusive kleinlich wirkenden Kostenargumenten, wurde nichts daraus. Die Anlieger der Straße plädierten zu 98 Prozent für eine Beibehaltung des Namens. Davon sollte sich eine Stadtregierung nicht ernsthaft irritieren lassen. Es gilt, die Entscheidung ins Politische zu ziehen und dort auch zu treffen. Und nicht einer intransparent werkelnden Straßenbenennungskommission zu überlassen.
Der große Kopf der deutschen Historiker-Zunft in der Neueren Geschichte, Hans-Ulrich Wehler, bezeichnete Hindenburg einst als eine „deutsche Unheilfigur“. Eine, die an sensibelsten historischen Schnittstellen Deutschlands grotesk versagt hat. Dem ist nichts hinzuzufügen. Nur noch die Umbenennung von rund 800 Meter Straße. Ade Unheilfigur.

Dieser Beitrag wurde unter Rascheln veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.