Wo es noch Menschen gibt

Es gibt Wochen, in denen ist Weihnachten. In denen macht sich der Weihnachtsmann auf, um Geschenke zu verteilen. Er fängt in den USA an. Youngstown, Ohio, verrostete Industrieruinen. Er klingelt an einer Tür und – wird mit Gebrüll empfangen. Er solle verschwinden.

Der Brüllhans holt ein Buch, auf dem „Bibel“ steht: „Zweites Kapitel des Evangelisten Pence. Wer nichts hat, ist selbst schuld. Wer das ändern will, ist ein dreckiger Elitekommunist aus Washington und glaubt auch, dass Schwarze, Juden, Frauen und andere niedere Daseinsformen Rechte haben.“

Der Weihnachtsmann ist fassungslos und geht zur örtlichen Kirche. Der Pfarrer empfängt ihn freundlich: „Bleib locker, Kumpel. Die sind hier so. Hier, nimm das mit, für deine weitere Reise. Sicher ist sicher.“ Ein M16A4, mit Zieloptik.

Irritiert beschließt er, nach Russland zu fliegen. Er gerät dabei in den nordkoreanischen Luftraum. Fliegend und schwer bewaffnet, halten die Koreaner ihn für Trumps neueste Waffe und feuern auf ihn. Er schlägt mit knapper Mühe und Not in Wladiwostok auf, kurz hinter der russischen Grenze.

„Na gut, dann eben hier“ denkt er sich. Die Bewohner sind aber alle in der Stadtmitte auf einer großen Demonstration. Motto: „Putin ist der Größte, das ist Geschenk genug.“

Also fliegt er nach Afrika, in den staubtrockenen Südsudan in die Stadt Yambio. Da sind alle in der Volkshochschule und hören einen Vortrag zum Thema „Warum Wasser in Konzernhand gehört“. Der Referent arbeitet für eine kleine Schweizer Firma, Mistlé oder so, und verteilt bereits Geschenke.

Langsam bekommt er schlechte Laune und fliegt nach Europa. Er landet in einer Debatte des Europaparlaments. Die Engländer wollen ihr Geld zurück, die Polen peitschen einen Richter aus, die Österreicher betrachten alte Landkarten, und die Deutschen sind verschwunden.

Der Weihnachtsmann will nur noch in eine Kirche: Sankt Nikolaus in Demre. Das liegt in der Türkei. Als er dort landet, will ihn ein Herr Erdowahn als Terroristen einsperren. Geschenke auch für Kurden und Journalisten – geht‘s noch?

Die Rentiere weisen darauf hin, dass für sie langsam Feierabend ist. Also fliegt er in den Pazifik, auf die kürzlich von Vulkanen aus dem Meer gespuckte Insel Hunga Tonga. Dort tritt er in den Streik. Bis eine Stimme spricht: „Die Menschen warten auf dich.“ „Wo denn?“, fragt er. Die Stimme befiehlt ihm, eine App zu programmieren: „Du wirst sehen.“ Also programmiert er „Christmasfacegram“. Nach einer Stunde hat er drei Milliarden Follower.

„Läuft“, denkt er erleichtert. Bis ein Mann in einem schlechten blauen Anzug auf der Insel landet. „Ich bin Anwalt von Mister Salztal. Ihre App verletzt unsere Rechte und deshalb …“ Er holt sein M16A4 aus dem Schlitten, visiert an und …

… wird wach. Völlig fertig klettert er aus seinem Bett in seinen Schlitten. „Wohin?“, fragen die Rentiere. „Egal. Wo es noch Menschen gibt.“

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