Wenn Politik in Versuchung gerät

Es gibt Wochen, in denen schlägst du die Bibel auf.

Um Jens Spahn zu verstehen. Sie wissen schon, den als Bundesgesundheitsminister getarnten Kanzler-Sein-Woller der CDU. Er hatte dieser Tage eine Fachfrage zu beantworten, nämlich die, ob man Menschen für einen tendenziell ungesunden oder risikobehafteten Lebenswandel mit höheren Kassenbeiträgen bestrafen solle. Antwort Spahns: Nein, es entspreche seinem christlichen Menschenbild, zu akzeptieren, dass der Mensch sich eben ab und an in Versuchung führen lasse.

Die gute Nachricht: Den schon im ersten Buch Mose benannten Baum der Erkenntnis mit den verbotenen Früchten gibt es also weiterhin auch für Kassenpatienten. Die schlechte: Der Minister hat leider offengelassen, wie weit für ihn das sozusagen von allerhöchster Stelle legitimierte Leben im Risiko darüber hinaus gehen darf.

Wir versuchen uns an einer Eingrenzung. Ein dazu unbedingt zu nennendes Zitat: „Gepriesen sind die Skifahrer.“ Herr Spahn, wie steht es mit den Freunden des alpinen Sports? Sollen die mehr blechen, oder ist das noch von der ministerialen Versuchungsflatrate gedeckt? Also so eine jungfräuliche Piste am Morgen, dann kann man schon mal … Hallo, Herr Spahn? Aufgelegt. Und wir hätten ihn so gerne noch zu bekennenden Anti-Vegetariern, Tretroller-Tunern oder Kampfhunde-Kuschlern befragt.
Gut, das mit den Skifahrern war gar nicht aus der Bibel, sondern von Monty Python. Möglicherweise hat sich der gute Herr Spahn deshalb etwas veräppelt gefühlt. Aber wer hat denn damit angefangen? Bloß nicht mal irgendwie festlegen, egal in welche Richtung. Lieber einen Spruch raushauen, der immerhin zehn Sekunden eloquent wirkt. Danach schmilzt sein intellektueller Gehalt zwar schneller als Margarine in der Mikrowelle, aber wenn man das nur oft genug so macht, wirkt das irgendwann auch wie Talent. Der olle Trump hat diese Blendgranaten-Rhetorik echt nicht exklusiv.

Das mit dem Festlegen scheint auch deshalb in der Politik immer schwieriger zu werden. Nein, wir schreiben diesmal nichts über den Brexit. Nein, nein, nein. So wahr wie Theresa May weiß, was sie will. Jetzt will sie ja den Corbyn inVersuchung führen, damit der mit ihr in die Kiste mit den Lösungen … Gottseidank, das Telefon klingelt.

Ah, Frau Weidel, lange nichts mehr von Ihnen gehört. Wie meinen? Auch Sie sind dieser Tage möglicherweise in Versuchung geführt worden? Von einem Milliardär? Und Sie hatten keine Alternativen? Wie wäre es mit sowas wie Ehrlichkeit gewesen? Treue zu Recht und Gesetz? Gut, mit derlei altmodischem Tugend-Tralala setzt man sich irgendwie auch ins Risiko. Ob der Spahn dafür Kassenkohle locker macht, wissen wir nicht. Zumindest wenn er sich dabei auf die Bibel beziehen wollte, könnte es eng werden. So von wegen falsch Zeugnis reden und so. Das zweite Buch Mose lässt uncool wenig Interpretationsspielraum.

Das war‘s dann wieder – bis nächste Woche.

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