Wenn der Wurm drin ist

Es gibt Wochen, in denen wirst du Insektenforscher.

Das wirst du aufgrund der Zuschrift eines Lesers, den wir um seinetwillen nicht namentlich nennen wollen. Nennen wir ihn also einfach Josef-Adolf-Hermann. Es gibt ihn wirklich, und auch das, was er schrieb. Nämlich diesen Satz: „Wetten, dass Sie sich in einigen Jahren anders positionieren und krümmen, wie es die Erdwürmer an sich haben.“

Was war geschehen? Wir waren mal wieder böse und haben geschrieben, dass wir die AfD nicht an jeder Ecke toll finden. Und schon kommt Josef-Adolf-Hermann um die Ecke und prophezeit uns auf die bekannt feinfühlige Art seinesgleichen, dass, wenn nur eines Tages der Höcke und andere lupenreine Lichtgestalten das Sagen haben, wir schon spüren werden, was das bedeutet.

So sprechen halt nur wahre Demokraten. Da weinst du – vor so viel sprachlicher Schönheit und gesetzestreuem Staatsverständnis. Und wirst neugierig: Was ist denn ein Erdwurm?

Die Antwort ist gar nicht so einfach. Die Spurensuche führt über fantastische Literatur und die niederländische Wikipedia zum Naheliegenden: Der Erdwurm ist der Regenwurm. Wir bedanken uns also bei Josef-Adolf-Hermann für die Erweiterung unseres aktiven Wortschatzes und überlegen uns, was er wohl genau gemeint haben könnte.

Der Regenwurm gilt allgemein als nützlich, weil er gemessen an seiner Größe regelrecht gigantische Erdmengen bewegt und somit zur Durchmischung unserer Böden beiträgt. Aber irgendwie dieser Nützlichkeit Kompliment zollend klang das nicht, was Josef-Adolf-Hermann da mutig zu Papier brachte. Ich fürchte, wir müssen – wie der Regenwurm – noch tiefer graben.

Biologismen haben in der Sprache der Politik eine lange Tradition. Franz Josef Strauß sprach von Schmeißfliegen, Oskar Lafontaine von Schweinen, wenn es um Journalisten ging. Aber so volkstümlich ist Josef-Adolf-Hermann vermutlich nicht gepolt. Bei ihm zieht sich eine ziemlich direkte Linie zum „Ungeziefer“ aus ganz dunklen Zeiten.

Kommt eben alles wieder. Aber wenn man das dann schreibt oder sagt, ist es auch nicht recht. Sich irgendwie mal entscheiden und zu dem zu stehen, was man von sich gibt – das gehört offensichtlich nicht zu den Kernkompetenzen im Bremsspuren-Farbspektrum des Politbetriebs.

Grünen-Chef Robert Habeck hat kürzlich ein Buch darüber geschrieben, was Sprache mit uns macht. Da für seine Partei die Liebe zur Fauna bekanntlich wichtig ist, hat sie – in Gestalt vonJoschka Fischer – darauf schon ganz früh Rücksicht genommen und die Presse lieber als „Fünf-Mark-Nutten“ bezeichnet. Was uns aber tierisch egal ist. Wir wissen ja, von wem das kam. Sprache, das ist jedenfalls mal sicher, ist die schärfste Waffe, die wir haben. Oder das beste Schild. Auch gegen Josef-Adolf-Hermann. Habe die Ehre! Und hören Sie auf, die Regenwürmer zu belästigen. DIE brauchen wir.

Das war‘s dann wieder – bis nächste Woche.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>