Wenn der Oberfeldwebel zweimal brüllt

Manche Wochen schicken einen auf eine Zeitreise.

1987, morgens gegen halb sechs in einem entlegenen Eifel-Weiler. “Rotland hat Blauland angegriffen”, brüllt ein schnauzbärtiger Oberfeldwebel, und eine Kompanie schlaftrunkener Rekruten setzt sich in Bewegung. Alle mit einem Gedanken: “Wenn‘s hier jetzt gerade nicht um den Frieden ginge, würden wir diesem Rotland so richtig… Morgens um halb sechs, denen hat der Wodka wohl völlig die Synapsen zerschossen?”

Der Kasernenhof des Eifel-Weilers ist schon lange Geschichte und war – bis vor wenigen Tagen – in die tieferen Sedimentschichten des Gedächtnisses abgerutscht. Dann aber kam er mit Macht wieder hoch. Notvorräte, Wiedereinführung der Wehrpflicht – geht‘s noch? Irgendwo habe ich vielleicht sogar noch diesen ekligen Gummiüberwurf, unter den ich im Falle eines Atomangriffs krabbeln und mich total sicher fühlen sollte. Brauche ich den auch wieder?

Sicherheit und Vorsorge sind schön und gut. Aber Panikmache im Sommerloch muss nun auch nicht sein. Davon werden auch schwere Zeiten keinen Millimeter besser.

Und wo wir gerade bei Panikmache sind: Ja, eine Burka ist frauenverachtend und ein religiös-aggressiv aufgeladenes Symbol. Und deshalb abzulehnen. Aber ist sie deshalb ein Sicherheitsrisiko? Der Terror geht von Männern aus. Die manchmal so lange Bärte haben, dass man dahinter auch nicht mehr erkennt als unter einer Burka.

Muss ich deshalb vielleicht in meinen neuen Schutzraum in Keller noch einen dieser tollen Ganzkörperscanner einbauen? Denn wenn jetzt Bartland Blauland angreift und ich nicht hinter den Bart schauen kann, sehe ich dann ganz schnell alt aus? Da nützen mir auch mein alter Gummiüberwurf und meine neuen Konservendosen nichts.

Aber vielleicht ein Aluhut. Unter dem merkst du irgendwann gar nichts mehr. Und dann ist es egal.

Olympia ist nicht egal. Zumindest das, was die Spiele in der Theorie sind. Die Realität ist allerdings mittlerweile einfach nur Dreck. Das darf man manchmal wörtlich nehmen, etwa wenn man ins so manches Schwimmbecken oder Mannschaftsquartier schaut. Und mehr als manchmal im übertragenen Sinn.

Fabian Hambüchen hat dazu jetzt nach seinem letzten Abgang vom Reck Klartext gesprochen. Bravo!

Dass IOC-Chef Bach deshalb jetzt nachdenklich geworden ist, ist aber leider nur ein Gerücht. Ebenso wie das, dass die Fifa das IOC jetzt wegen unlauterenWettbewerbs verklagt hat. So nach dem (selbstverständlich komplett erfundenen) Motto: “Beim Sprint um den korruptesten Verband überholt uns gefälligst niemand. Schon gar niemand, der halb fertige Sportstätten zum Konzept erklärt. Da bleibt doch viel zu viel Schmiergeld liegen!”

Geschmiert sind ja heutzutage bekanntlich alle. Eine Umfrage des Deutschen Beamtenbundes hat gerade wieder weitverbreitete, erschütternde Ansichten entdeckt. Vor allem Politiker, Beamten und Journalisten (also dieses Gesindel, das Demokratie gestaltet, organisiert oder erklärt) – alle unter einer Decke. Und lügen, dass sich die Balken biegen.

So weit so wenig neu. Neu in der Umfrage ist, dass auch Feuerwehrleute, Polizisten oder Ärzte an Ansehen verlieren. Überhaupt fast alles, was irgendwie nach Unform aussieht. Die Erklärung der Forscher: Die Polemik der AfD zeigt Wirkung.

Hetze macht eben das Hirn weich. Da hilft auch kein Aluhut.

Was wohl die Rekruten des Jahres 1987 gedacht hätten, wenn sie sich morgens um halb sechs auch noch mit den Absendern solcher Botschaften (gedanklich, Leute!) hätten rumschlagen müssen? Vielleicht das: “Geht doch nach Drüben, wenn es Euch hier nicht passt.”

Quizfrage bis nächste Woche: Wo liegt dieses Drüben im Jahr 2016? Für heute war‘s das jedenfalls wieder…

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