Was Simmel schon wusste

Es gibt Wochen, in denen schreibst du nichts mehr über Wahlen.

Dazu ist ja auch schon wirklich genug geschrieben worden. Und die Welt dreht sich auch außerhalb Deutschlands weiter. Und das im Übrigen auch nicht nur bei den üblichen Verdächtigen. Die Donalds, Wladimirs, Receps, Kims und andere müssen deshalb hier heute auch mal draußen bleiben.

Moment bitte, das Telefon klingelt.

Donald. Er will in die Kolumne. NEIN. Ich hatte mich doch klar ausgedrückt: Echo first. Ist das denn so schwer zu kapieren?
Er hat aufgelegt und dabei noch was von Fake News und Vernichtung gemurmelt. Hm. Wenn er die Fake News vernichten würde, wär der Typ ja sogar mal nützlich.

Egal. Wo waren wir stehen geblieben? Richtig. Welt, drehen und so. In Indien zum Beispiel. Dort kocht die Firma Tata mit 80000 Mitarbeitern Stahl. Und jetzt will Tata Thyssen-Krupp weichkochen.

Die Aufregung ist groß, reden wir doch bei Krupp über eine deutsche Industrie-Ikone.

1989, als die Mauer fiel, sagte einer der klügeren Kommentatoren: „Es ist wunderbar, was gerade passiert. Aber eines muss uns auch klar sein: Wenn wir nach Osten schauen, sehen wir Millionen Menschen, die wirtschaftlich dorthin wollen, wo wir schon sind.“

Er meinte das damals vor allem mit Blick auf Osteuropa, und auch das Stichwort Globalisierung war seinerzeit noch weniger geläufig als heute. Aber vom Grundsatz her hatte er recht. 28 Jahre später wollen nicht nur viele dorthin, wo wir schon sind, sie haben es geschafft. Siehe Tata.

Es ist also prinzipiell etwas völlig Normales, was gerade bei Krupp passiert. Soziale Fragen und die der Mitbestimmung müssen natürlich trotzdem diskutiert werden.

Es gäbe viele weitere Beispiele, aber um die soll es in diesen unschuldigen 113 Zeilen nicht gehen. Wichtiger sind zwei grundlegende Erkenntnisse: a) Diese Entwicklung ist unumkehrbar. b) Wer nicht will, dass andere dorthin kommen, wo er selbst schon ist, muss besser sein. Wer an der Spitze segeln will, braucht dafür Grips und keine Zäune.

So viel zu diesem „First“-Geschwafel. Es ist dümmliche Augenwischerei. Auch das zeigt das Beispiel Tata. In Amsterdam wachsen nicht nur Tulpen, sondern auch Steuerschlupflöcher. Und die Inder machen nur das, was andere längst perfektioniert haben. Apple weiß vermutlich selbst schon nicht mehr, wo der eigene Laden eigentlich sitzt. Und bei Ikea ist die Suche nach der Zentrale noch schwieriger als die nach einem Paket, in dem wirklich alle Teile drin sind.

Niemand ist also eine Insel. Das wusste der große Philosoph Johannes Mario Simmel bereits 1975. Wir sollten 2017 uns nichts anderes einreden lassen oder es uns selbst einreden. Sonst werden wir garantiert Letzte und nicht Erste.

Das Telefon klingelt. Lassen wir es klingeln. Gehen wir lieber wählen.

Das war‘s dann wieder – bis nächste Woche.

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