Unverkrampft zum Jodelkurs

Es gibt Wochen, in denen muss man etwas klarstellen.

Nämlich: Wenn ein normaler Fastnachter die Sinnhaftigkeit von Toiletten für Intersexuelle bezweifelt, ist das ein statthaftes Aufspießen der Berliner Themensetzung. Wenn dies aber die CDU-Vorsitzende tut, ist das eine politische Attacke. Eine billige obendrein. Der Zustand einer Gesellschaft lässt sich daran ablesen, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht. Egal welcher.

Damit hätte man es eigentlich gut sein lassen können. Aber die CDU-Vorsitzende wollte die Kritik, die ihr entgegenschlug, nicht unerwidert lassen und legte nach: Wir seien das verkrampfteste Volk der Welt. Wow, das aus dem Mund der Frau, die die Ehe für alle einmal in einem Atemzug mit Inzest und Polygamie nannte. Man will echt nicht dabei sein, wenn die im Saarland mal wieder unverkrampft sind.

Wir halten jetzt einmal fest, dass es einem Land, in dem die drängendsten Probleme die sind, wer welche Witze machen darf, welche Kostüme Kinder anziehen sollten und ob ein Moslem wohl Kanzler sein könnte, verdammt gut geht.

Irgendwie verlieren wir glaube ich gerade tatsächlich so ein wenig die Balance zwischen „gut“ und „gut gemeint“. Bleiben wir noch ein wenig bei den Indianerkostümen, die in einer Hamburger Kita nicht mehr erwünscht sind. Die Osnabrücker Jusos solidarisierten sich damit, weil derlei Verkleidung den amerikanischen Ureinwohnern die Deutungshoheit über die eigene Existenz nehme.

Man kennt das ja von sich selbst, so als Deutscher: Irgendwo auf diesem Planeten zieht ein Fünfjähriger eine Lederhose an, belegt einen Jodelkurs an der Volkshochschule und verlangt eine Büchse Sauerkraut – und schon weißt du als wackerer Teutone nicht mehr, wer du bist. Echt schlimm.

Da raucht die Birne dann deutungslos, und du fühlst dich deswegen so verkrampft wie eine Klatschpappe beim politischen Aschermittwoch. Also suchst du deswegen Hilfe.

Bekanntlich gibt es wenig Hilfreicheres als gepflegte Lektüre. Die „Zeit“ zum Beispiel. Richtig gute Zeitung, die allerdings auch twittert. Das zum Beispiel, am Donnerstag: „Wegen des morgigen Weltfrauentages arbeiten die weiblichen Mitarbeiterinnen des Verlags morgen nicht.“

Du denkst: „Na gut, müssen die ja mit sich und ihren Kollegen abmachen. Wenn die damit kein_Problem haben muss ich es auch nicht.“ Aber der Tweet hat noch einen Schlusssatz. Nämlich diesen: „Der Betrieb läuft wie gewohnt weiter.“

Es gibt nicht genug Anwälte auf der ganzen Welt, die mich dazu ermutigen könnten, diesen Satz noch weiter zu analysieren.

Die CDU-Vorsitzende hat am Ende also tatsächlich recht: Zu viel verkrampftes Tugendrittertum geht irgendwann tatsächlich nach hinten los. Wenn sie sich bei ihrem Befund nicht feige hinter einer Verkleidung versteckt hätte, hätte man ihr sogar geglaubt, dass es ihr ein Anliegen ist und dass sie nicht nur billigen Applaus sucht.

Das war‘s dann wieder – bis nächste Woche.

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