Schwamm über die Currywurst

Es gibt Wochen, in denen schaust du in den Spiegel.

Nein, nicht in den im Badezimmer. Sondern in das Magazin aus Hamburg. Weil ein großes Porträt über Martin Schulz drin war.

Der Text folgt trotz seiner erstaunlichen Länge einem erstaunlich einfachen, konstruierten Narrativ. Deshalb muss man ihn nicht kennen. Aber einen grandiosen Moment hat er: Als sie bei der SPD wieder einmal stundenlang an Reden feilen, Kriegsrat halten und Currywurst essen, kommt am Ende Angela Merkel ins Spiel und spricht zwei Worte an die Adresse der Currywurst-Helden: „Schwamm drüber.“ Thema durch, wer ist noch mal dieser Schulz?

In diesen beiden Worten wird der gesamte hinter uns liegende Wahlkampf gebündelt. Mitsamt seinen weit reichenden Folgen. Mit erheblichen Blessuren für viele Beteiligte hat Muttis „Schwamm drüber“ zumindest für Mutti noch einmal funktioniert. Aber nur bis zur Wahl. Jetzt lamentiert man, dass alles so schwierig sei und dass es deshalb Monate dauern könne, bis die viertgrößte Industrienation der Welt möglicherweise eine Regierung habe.

Geht‘s noch? Irgendwie fühlt man sich da schon beinahe an den alten Brecht erinnert, der mal – in anderen Zeiten und Zusammenhängen – darüber sinnierte, ob die Regierung nicht besser das Volk auflöste und ein neues wählte. Muttis „Schwamm drüber“ hat uns die AfD beschert, ein anhaltend instabiles Sozialsystem, in dem nicht nur Jupp Heynckes als 72-Jähriger noch arbeiten muss, und Schulgebäude, die aussehen, als seien sie schon 1949 beim Marshall-Plan vergessen worden. Und in Berlin wird jetzt trotzdem erst mal das große Koalitions-Mikado gespielt? Weil niemand weiß, wie man eine Frau ohne Eigenschaften noch einmal in sowas wie praktische Politik zwingen könnte?

Vielleicht hilft der Blick nach außen. Zum Beispiel auf dieses Europa, das noch vor wenigen Monaten sich vor Freunden kaum retten konnte. Macron gelingt ein wirklich großer Wurf – Deutschland schweigt betreten. Spanien schlittert in ganz schwierige Zustände – hoffentlich geht jetzt beim Sondieren in Berlin der Rioja nicht aus. Und der sogenannte Brexit wird unaufhaltsam unkontrollierbar – ja, blöd, stört aber trotzdem nur so mittel bei der nachwahligen Nabelschau.

Den Schwamm, der groß genug wäre, um ihn über diese und andere Themen breiten zu können, gibt es selbst in Muttis Küchenschrank nicht. Auch wenn man uns das von mancher Stelle aus immer noch glauben machen möchte.

Wir schauen noch einmal in den Schulz-Text. Er kommt zum Schluss, dass die SPD noch tiefer hätte abstürzen können, wenn Schulz nicht bis zu völliger Selbstaufgabe und Selbstverleugnung gekämpft hätte. Gut möglich. Jetzt wissen wir endlich: Ein Martin Schulz und eine SPD sind zu wenig für einen Schwamm. Okay, wir könnten es wissen. Vielleicht. Irgendwann. In ein paar Monaten. Die Welt wartet bestimmt auf so lange uns.

Das war‘s dann – wir melden uns hier schon nächste Woche wieder.

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