Punks in Nadelstreifen

Es gibt Wochen, in denen verlierst du.

Wählergunst zum Beispiel. Für das, was die SPD sich aktuell antut, ist die Bezeichnung „Trauerspiel“ noch geprahlt. Wenn Martin Schulz als der SPD-Vorsitzende in die Annalen eingehen will, der 150 Jahre Parteigeschichte zum Aussterben bringt, ist er mit diesem Plan mittlerweile ein gutes Stück vorangekommen.

Aber es gibt noch mehr, was man verlieren kann. Anstand zum Beispiel: Die Deutsche Bank hat 2017 eine halbe Milliarde Euro Verlust eingefahren – und zahlt doppelt so viel Boni aus. Ober-Banker John Cryan wird mit dem Satz zitiert: „Ich fange an, den Job zu genießen.“ Das glauben wir ihm tatsächlich aufs Wort.

Aber ist diese Form von medialer Schelte auch an dieser Stelle nicht billig? Nein. Auf Facebook stand im Zusammenhang mit diesem Thema folgender beziehungsreicher Satz zu lesen: „Banker sind die wahren Punks.“ Auch das glauben wir aufs Wort. Wer sich so wenig um das schert, was um ihn herum so los ist, gegen den wirken selbst die Sex Pistols wie schlecht frisierte Klosterschüler.

Beweise? „Don’t know what I want but I know how to get it“ sangen die Pistols 1977 in ihrem Klassiker „Anarchy in the UK“. Übertragen auf die Herren in den teuren Bank-Anzügen heißt das frei übersetzt ungefähr das: „Wir haben schon lange keine Ahnung mehr davon, wohin wir mit dem Laden eigentlich wollen. Aber was wir dafür bekommen wollen, wissen wir umso genauer.“ Und wir wundern uns, dass die Idee der sozialen Marktwirtschaft gesamtgesellschaftlich minimal an Akzeptanz verloren hat. „How many ways to get what you want I use the best“, singen die Pistols. Egal wie viele Wege es gibt, um abzusahnen, wir lustigen Hochfinanzstapler benutzen den garantiert am besten.

Da kann man schon mal die Contenance verlieren. Es ist doch so: Im Grunde hat sich seit der Bankenkrise nicht viel verändert. Der sogenannte Markt existiert im Finanzsektor nicht mehr. Die einen pumpen auf Kosten der kleinen Sparer und jüngeren Generationen Geld in den Markt, als gäbe es kein Morgen. Und die anderen lassen die Sektkorken knallen, egal wie rot die Bilanzen sind. Und wie heißt das politische Bollwerk dagegen? Richtig, große Koalition. Ganz groß im Wegschauen. Und wir wundern uns, dass Extremisten von links und von rechts Hochkonjunktur haben.

Nein, wir wundern uns nicht. Stattdessen warten wir gespannt auf die Antwort der großkoalitionären Wegschauer an dem Tag, an dem CDU und SPD zusammen auch keine Mehrheit mehr zustande bringen. Dieser Tag rückt ja gemäß allen Umfragen täglich näher.

Angela Merkel hat bestimmt auch Punk-Platten im heimischen Regal. Heißer Favorit ist „I wanna be sedated“ von den Ramones, „ich will ruhig gestellt werden“. Blöderweise hat sie diesen individuell statthaften Wunsch schon vor langer Zeit zum Regierungsprogramm erhoben. Was vielleicht noch den Bank-Punks bekommt. Aber selbst denen irgendwann nicht und uns längst nicht mehr.

Das war‘s dann wieder – bis nächste Woche.

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