Nullen unter sich

Es gibt Wochen, in denen könnte man sich in Rage schreiben.

Die Wirtschaftsweisen korrigieren die Wachstumsprognose katapultartig nach oben. Auch die Steuerschätzer lassen sich nicht lumpen und prophezeien der öffentlichen Hand zum gefühlten 294. Mal hintereinander Rekordeinnahmen. Geld ist in diesem Land also vorhanden.

Hat man Geld, hat man in der Regel Spielräume. Hat man viel Geld, hat man große Spielräume. Das lernt man nicht nur auf Paradise Papers Island schon in der Kita. Nicht so bei uns: Wir feiern die Politik, obwohl der Rubel riesig rollt, für die schwarze Null. Tiefer lassen sich Ansprüche an Gestaltungsvermögen definitiv nicht legen.

Verwegene Idee: Man hätte spielraumtechnisch die Bürger oder die Wirtschaft entlasten können. Oder, wenn man das nicht will, wenigstens etwas zurücklegen für schlechte Zeiten. Die kommen. Bei der Rente zum Beispiel. Kapiert man natürlich nicht automatisch, wenn man pensionsberechtigt ist. Der Strom kommt ja auch aus der Steckdose.

Schwarze Nullen gibt es aber nicht nur im Haushalt, sondern auch bei dieser lustigen Selbsterfahrungsgruppe, die seit Wochen in Berlin der Frage nachgeht, wie man es vermeiden könnte, miteinander zu regieren. Gut, da sind auch ein paar gelbe und grüne Nullen dabei. Was aber am niederschmetternden Befund nichts ändert: Man hat Gestaltungsspielräume ohne Ende, aber knapp zwei Monate nach der Wahl ist eine neue Regierung noch nicht einmal ansatzweise in Sicht.

Gut, läuft ja auch alles irgendwie so. Lasst Euch ruhig Zeit mit dem Sondieren. Der Beweis, dass man die eine oder andere Null zum Funktionieren dieses Landes gar nicht braucht, kann auch auf diese Weise erbracht werden.

Und wir denken in der Zwischenzeit mal darüber nach, welche Alternativen wir haben.

Große Koalition? Klar doch. Noch mal vier Jahre teure Klientelpolitik, Hautptsache, die Null bleibt schwarz? Der brummenden Wirtschaft und Herrn Draghi sei Dank?

Neu wählen? So lange, bis es passt? Mancher Null würde das bestimmt passen.

Dieser schlecht gelaunte Katalane, der hat doch jetzt Zeit. Wir müssten bei ihm aber aufpassen: Es würde keine sechs Monate dauern, und wir wären das Saarland los.

Och, also, hm …

Jetzt mal ernsthaft: Es ist bei Licht betrachtet nicht wirklich überraschend, was sich da gerade in Berlin abspielt. Hat jemand ernsthaft erwartet, dass die Schönwetter-Rekordeinnahmen-Schwarznuller jetzt, wo man sich mal zusammenreißen müsste, genau das tun?

Politikverdrossenheit hat viele Mütter und Väter. Eine(r) heißt „Wegducken vor der Verantwortung“. Wenn irgendwann die Populisten stärkste Partei sind, wird sich das von den fröhlichen Nullen aber garantiert trotzdem niemand erklären können. Oder wollen.

Das war‘s dann wieder – bis nächste Woche.

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