Lass es knallen, Joe!

Es gibt Wochen, die fühlen sich an wie eine Serie endloser Duelle.

In welchem Team spielst du – Team Drosten oder Team Streeck? Scuderia Söder oder Mannschaft Merz? Veggie oder doch noch Fleisch? Auto oder Fahrrad? Nutella oder Nutoka? Wenn du dich nicht sofort scharfkantig festlegst (am besten mit drei Belegen dafür in den Sozialen Netzen), bist du eine gefährliche, meinungslose Amöbe. Gefährlich deshalb, weil du deiner Pflicht zur Haltung nicht nachkommst.

Gut, früher beim Bund, da gab‘s sowas auch schon. Damals hieß das „Nehmen Sie gefälligst Haltung an!“. Wobei damit eigentlich nur gemeint war, dass du nur mit durchgedrückten Rückgrat in der Landschaft herumstehen, aber ansonsten vor allem das machen solltest, was man dir sagt. Das ist heute anders: Wenn du nicht sofort am besten mit einem krachenden Kontra in jede Diskussion springst, offenbarst du gefährliche Rückgratlosigkeit. An, Aus. Null, Eins. Schwarz, Weiß. Wir sind nicht zum Ausruhen hier.

Wohin das diskursiv so langsam führt, ist bekannt. Nicht nur im politischen Betrieb. Neulich schrieb ein kluger Theoretiker der Populärmusik darüber, wie Algorithmen die Herstellungsweise von Songs verändern. Vor allem von denen, die kommerziell erfolgreich sein sollen. Sein Fazit: Alles, was innerhalb der ersten 15 Sekunden nicht mindestens so knallt wie der illegal gedopte Auspuff eines Porsche, hat keine Chance mehr. Also Balladen oder Tracks, die ihre Spannung erst langsam aufbauen und denen man entsprechend viel Aufmerksamkeit widmen muss. Und dass die Knallbonbons sich ziemlich schnell selbst abnutzen, fällt auch nicht auf. Es gibt immer ein nächstes von ihnen.

Also dann: Apple oder Samsung, Tesla oder nichts, Maske oder Mund frei, Impfen oder Herde, Trump oder Biden … oh, Mist. Jetzt bin ich es auch noch selbst schuld: Das Telefon klingelt.

Oh, hallo, Herr Biden. Wie meinen? Der Donald ist im Bunker unter dem Weißen Haus eingeschlafen. Er hat versucht, alle Tweets, die ihm nicht gefallen, mit selbst verfassten Pöbeleien zu beantworten. Ruhig schlafen lassen. Knallt früh genug wieder. Anyway, was ist denn Ihre Meinung zu den Zuständen in den USA? Und wie könnte man sie ändern? Durch die richtige Wahl am 3. November? Lassen Sie mich nachdenken, gerne auch bis zu 17 Sekunden. Hmmmmmm, jaaaaaa, alsoooo – nö.

Das sitzt viel zu tief. Was Ihr braucht (wir auch, aber Ihr dringender), sind ein paar Balladen. Einfach mal anderen entspannt zuhören. Also, viel Erfolg beim America wieder great machen. Wir sprechen uns 2033 wieder.

Ist bis dahin noch was anderes offen? Bayern oder Dortmund? Hallo, hier ist von echten Duellen die Rede und nicht von Serien, die so vorhersehbar sind wie Parteitage der chinesischen KP. Oh, noch so ein Stichwort: China oder Hong Kong? Noch gibt es dazu zwei Meinungen. Aber bis 2033 garantiert nicht mehr. Die Sektkorken werden deutlich früher knallen – in Peking.

Das war‘s dann wieder – bis nächste Woche.

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