In die Flucht schlagen – nicht fliehen

Es gibt Wochen, in denen muss man ganz einfach nur zuhören.

Obwohl man es manchmal kaum aushält. Was nach dem entsetzlichen Vorfall am Frankfurter Bahnhof an verbaler Jauche ausgekübelt wurde, war teilweise kaum zu begreifen.
Wann genau haben wir eigentlich aufgehört, uns von Fakten leiten zu lassen? Der mutmaßliche Täter ist krank. Was man ihm aber auch an einer bewachten Grenze erst einmal nicht automatisch ansehen würde. Er lebt seit 2006 in der Schweiz, seit 2008 anerkannt, und galt als gut integriert. So viel zu „Danke Merkel“ und „Die Flüchtlinge mal wieder“.

Ein bei solchen Themen ebenfalls immer weiter um sich greifendes Debattenmuster: „Für den in Frankfurt habt Ihr Verständnis, aber als bei uns in Plauen/Flensburg/Oberammergau Schlimmes geschehen ist, hat sich keiner von den Medien/der Politik/der Polizei dafür interessiert.“ Diese Behauptung stimmt zwar so gut wie nie, aber sie wird erhoben. Todsicher.

Die Angelsachsen nennen das „Whataboutism“: eine Gesprächstechnik, die von unliebsamen Erkenntnissen dadurch ablenken soll, indem man auf vermeintliche ähnliche Missstände aufseiten der Kritiker verweist. Erfunden haben das übrigens die Russen – im Kalten Krieg.

Zu den Bildern dieser Woche zählen auch die aus Stuttgart, wo ein Mann in einem Streit einen anderen mit einem Schwert tötete. Nach jetzigem Stand handelt es sich bei dem Täter um einen Palästinenser jordanischer Herkunft, der als vermeintlicher Syrer zu uns kam. Anfang 2015, also vor der großen Flüchtlingswelle. Er hat Entsetzliches und Verwerfliches getan, da beißt die Maus keinen Faden ab. Nur: Was hat er mit Frankfurt zu tun? Und was wird durch einen Vergleich des einen mit dem anderen besser? Oder ungeschehen? Nichts. Nur die Aufregung steigt. Was manche wiederum antreibt.

Beatrice Weidel etwa, die munter alles verwhataboutet und dabei auch den Frankfurter mutmaßlichen Täter als „Flüchtling“ einreiht. Sie übersieht dabei geflissentlich Folgendes: Der Mann hatte offenbar in der Schweiz den gleichen Aufenthaltsstatus wie sie. Er war demnach kein Flüchtling mehr. Aber wenn er jetzt doch, weil es propagandistisch so herrlich passt, wieder einer sein soll, müsste folglich auch sie ein Flüchtling sein. Er kam aus Eritrea, dem afrikanischen Nordkorea. Wovor sie wohl geflohen sein mag? Vielleicht vor dem Finanzamt.

Der Whataboutist flieht auf alle Fälle vor Fakten. Auch dem, das 1993 in Deutschland doppelt so viele Menschen durch Gewalttaten zu Tode kamen wie jetzt. Was nichts beschönigen soll – Frankfurt und Stuttgart waren schlimm. Aber völlig unterschiedlich. Am Ende wird die Justiz das Richtige tun. Strafen, wo Strafe sein muss. Und helfen, wo Hilfe nottut. Bis dahin sollten wir nicht fliehen, aber etwas in die Flucht schlagen – die große Vereinfachung. Und ihre über Leichen gehenden Profiteure.

Das war‘s dann wieder – bis nächste Woche.

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