Idioten unter sich

Es gibt Wochen, da fehlt weitgehend der nötige Ernst.

Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf etwa. Beim Versuch, Donald Trump noch irgendwie zu beschreiben, gehen einem spätestens nach dem Bekanntwerden seiner jüngsten Kommentare über Frauen allmählich die gesitteten Vokabeln aus. Es ist ja auch schon viel gesagt und geschrieben worden. Deshalb hier nur noch eines: Wer diesen Mann noch ernsthaft für wählbar hält, sollte einen Arzt aufsuchen. Schnell.

Der nötige Ernst hat aber auch schon viel früher gefehlt. Bei denen, die das Monster Trump überhaupt erst erschaffen haben. Als da wären: Willfährige, als Journalisten getarnte Hetzprediger diverser Medien. Das Establishment einer Partei, das in blindem Obama-Hass sich selbst vergessen hat. Und diejenigen, die vor allem im Netz schrankenloses Lügen, Beleidigen sowie Ahnungs- und Prinzipienlosigkeit als Meinungsfreiheit und Heldentum verkaufen. V An Trump sieht man auch, dass es im Bildungswesen gar nicht genug Ernsthaftigkeit geben kann. Es hat nichts mit Borniertheit oder Überheblichkeit zu tun, wenn man feststellt, dass man Trump um so leichter für wählbar hält, wenn einem das Rüstzeug fehlt, seine Lügen, seine Hetze und die Gefahr, die er darstellt, als solche zu erkennen.

Was allerdings ebenso fehlt, ist die Ernsthaftigkeit der Politik, sich mit diesen Menschen zu beschäftigen. Es ist viel zu wenig, sich über sie zu beklagen, sie zu beschimpfen oder zu ignorieren. Man muss Politik für sie machen, bei denen etwas herauskommt, das auch sie erwarten können. Jobs zum Beispiel. Am besten mit Gehältern, die ein Leben in Würde ermöglichen.

Wer jetzt sagt, dass uns derlei Zustände nicht auch einmal blühen könnten, dem fehlt ebenfalls der nötige Ernst.

Ganz ernste Gedanken sollte man sich auch in Sachsen machen. Sie wissen schon, dieser lustige Freistaat, in dem man so frei ist, als suizidgefährdet eingestufte Terror-Verdächtige sich selbst zu überlassen. Und sich dann erstaunt die Augen reibt, wenn er sich tatsächlich umbringt. Es sind schon aus weitaus harmloseren Umständen Minister oder Ministerpräsidenten zurückgetreten. Räumen Sie endlich bei Polizei und Justiz auf, Herr Tillich. Ganz ernsthaft. Ihren Freischuss hatten Sie schon bei Pegida & Co.

Und wenn Sie mit dem Aufräumen fertig sind, machen Sie bitte gleich in Ihrer eigenen Partei weiter. In diesem Land gilt die Unschuldsvermutung. Ja, sogar für CDU-Landtagsabgeordnete. Zumindest so lange, bis sie wie Alexander Krauß (den Namen muss man sich wohl nicht merken) auf Facebook so einen unfassbaren Stuss schreiben wie den, dass man um den Toten in der Zelle nicht trauern müsse. Der sei ja schließlich verdächtig gewesen.

Die Biedermänner, die Brandstifter befeuern, haben eben nicht nur jenseits des Großen Teichs Konjunktur. Ganz ernsthaft.

“You fasten all the triggers for the others to fire” – wer hat diese Zeile geschrieben und tausendfach gesungen? “Ihr bringt all die Abzüge an, mit denen andere dann feuern?” Richtig, Bob Dylan in “Masters of War”. Die Nobelpreis-Jury hat dem schlecht gelaunten alten Zausel aus Minnesota den Preis für Literatur zuerkannt. Eine ernsthaft richtige Entscheidung. Schon allein deshalb, weil man dieser Tage wirklich angesichts all der verbalen und realen Zündler schlechte Laune bekommen kann. Und weil Dylan trotzdem weiter singen wird. Man wird ihn eines Tages wohl auf der “Never Ending Tour” von der Bühne tragen müssen. Das ist bekanntermaßen sein Ernst. Gut so.

“My sense of humanity has gone down the drain” singt er in “Not Dark Yet”. Genau darum geht es in den Zeiten der Trumps, politischen Heckenschützen aller Couleur und sonstiger Totengräber der Demokratie: Dafür zu stehen, dass die Menschlichkeit eben nicht in den Abfluss gespült wird. Das hat nichts mit Naivität oder ähnlichem zu tun. Es ist, Sie ahnen es, bitterer Ernst.

Das war‘s dann wieder. Bis nächste Woche hören wir noch ein bisschen Dylan: “Idiot wind blowing every time you move your teeth / It’s a wonder that you still know how to breathe.” Die englische Sprache an sich versteht dieser Trump doch angeblich…

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