Frau Thimbleweed weint

Es gibt Wochen, in denen klingelt irgendwo ein Telefon.

Es klingelt bei Ophelia Thimbleweed. Eine nette ältere Dame, die in einer dieser typischen netten englischen Kleinstädte wohnt. Schöne rote Ziegelhäuser mit Erker zur Straße, Rosen in gepflegten Blumenrabatten, bunte Haustüren. In dieses Idyll klingelt das Telefon. „Hallo, Mrs. Thimbleweed, wir sind‘s, die lustigen Investoren, die jetzt mit der ganzen Kohle, die wir sparen, weil Johnson keine Steuern von uns haben will, den ganzen Bums hier kaufen.“


Frau Thimbleweed atmet schwer. Der nette Mann am Telefon, dessen Akzent zwischen Russisch und Chinesisch oszilliert, spricht weiter: „Ja, Ihr Haus auch. Ist schon weg. Wir bauen da irgendwas hin, was mehr Rendite abwirft als Sie. Egal was, Hauptsache das Geld ist erst mal weg und sorgt für noch mehr neues.“

Frau Thimbleweed hat nach diesem Crashkurs in Sachen Manchester-Kapitalismus das Gefühl, der Leibhaftige habe angerufen. Es läuft gerade eh nicht so gut für sie. Beim Arzt bekommt sie schon lange keine Medikamente mehr, die früher so zuverlässigen polnischen Handwerker sind alle weg, und Prinz Andrew treibt Dinge, die sich eine anständige Lady wie sie freiwillig nicht vorstellen möchte. Das langt eigentlich schon, um ein Weltbild ins Wanken zu bringen. Aber dann jetzt noch dieser Anruf.

Ophelia Thimbleweed ist eine tapfere Frau. Sie nimmt Handtasche und Regenschirm und macht sich auf den Weg zum örtlichen Büro der Konservativen Partei. Sie hat sogar Glück: Der diensthabende Karrierist Nigel Numberone empfängt sie. „Hattet ihr nicht gesagt, der Brexit hilft vor allem uns kleinen Leuten?“ Das ist der Moment, in dem die Konservative Partei einen tragischen Verlust zu beklagen hat: Nigel Numberone stirbt ob dessen, was er hört, an einem Lachanfall.

Ophelia Thimbleweed greift spontan zur urbritischen Tradition der Stiff Upper Lip und nimmt Nigels Abgang regungslos hin. Und denkt: „Gab es bei uns nicht auch einmal eine Geschäftsstelle von Labour?“ Sie läuft in den Wladimir Putin Prospect und findet sie tatsächlich. An der Tür, die verstaubter ist als die aller anderen Häuser in der Straße, hängt ein Schild: „Wegen Selbstaufgabe geschlossen.“

Das ist der Moment, in dem Ophelia Thimbleweed beschließt, wieder nach Hause zu gehen. An einem Zebrastreifen wird sie beinahe von einem Cabrio überfahren, auf dem das Bild eines grotesk gebräunten Politikers grinst: „Die Normandie muss englisch werden – wählt Nigel Farage!“

Als sie zuhause ist, klingelt Frau Thimbleweeds Telefon noch einmal: „Trump hier, der größte Dealmaker aller Zeiten. Hinter deinem Gartenzaun ist doch ein Golfplatz, da habe ich neulich ein Siebener Eisen vergessen. Beweg deinen Sozialhilfehintern und schau mal nach, sonst lasse ich die Bagger noch ein bisschen schneller kommen.“ Jetzt endlich nimmt Frau Thimbleweed den Brexit persönlich. Und weint.

Das war‘s dann wieder – bis nächste Woche.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.