Einstein war Eisenbahner

Es gibt Wochen, in denen versuchst du, dich zu erinnern.

Wie war das eigentlich in der Schulzeit? Um 7.14 Uhr kam der Zug, der dann zwölf Kilometer durch Wind und Wetter fuhr. Ich kann mich nicht daran erinnern, wegen der Bahn jemals die erste Stunde verpasst zu haben. Und das bei Mathe am Montag.

Das wäre heute wohl anders. Bei einer Pünktlichkeit von unter 80 Prozent wäre ich statistisch mindestens jeden Montag zu spät dran. Irgendwas muss also seit damals passiert sein.

Wir könnten jetzt hier, wie wir das gerne tun, lange Herleitungen formulieren. Müssen wir aber nicht. Es gibt nämlich auch eine Erklärung, die so geradlinig ist wie eine ICE-Neubaustrecke: Nach diversen Ausschlacht…, äh, tschulligung, Reformen ist die Bahn halt teilweise einfach überfordert.

Die Bahner hatten Pech im Privatisierungsroulette. Die Postler etwa konnten sich erfolgreich einreihen bei den Lieferdiensten, die mit ihren mit Amazon-Retouren vollgestopften Diesel-Lkw die Innenstädte zurußen. Manchmal wissen die Fahrer der Stinker sogar, wohin sie fahren müssen. Und wenn nicht: Dann machen sie halt erst Feierabend, wenn sie es gelernt haben. Hauptsache, sie kommen morgens garantiert wieder pünktlich zum Dienst.

Die Telekomiker wiederum haben sich auch ihren Teil vom Kuchen sichern können. Beim Stichwort „Pünktlichkeitsgarantie“ lacht das rosarote Kupferkabel-Kartell nur einmal kurz und trocken: Die Digitalisierung mit auch international brauchbaren Leitungen kommt. Pünktlich. Garantiert. So 2047 ungefähr. Und wer was degegen hat, soll gefälligst Seite 2048 im Kleingedruckten lesen. Da steht, dass das alles genau so schon seine Ordnung hat.

Nur der Bahn-Chef ist eine echt arme Socke. Immer noch unter der Staats-Knute, hat er einfach nicht die Möglichkeit zu sagen „Lasst uns doch mal fahrplantechnisch den Mund nicht so voll nehmen“. Statt dessen muss allein der RMV jährlich 240.000 Fälle von Verspätungen bearbeiten, wegen derer Kunden ihr Geld zurück wollen. Heraus sprangen dabei 550.000 Euro, jede Verspätung war also 2,29 Euro wert.

ABM mal anders.

Aber wenn Darmstadt mal einen vernünftigen ICE-Anschluss hat, dann wird das alles besser!

Also nie.

Okay, mit so viel Real…, tschulligung, Pessimismus kann man jetzt nicht schließen. Zum Ausklang daher noch eine frohe Kunde, noch einmal aus dem unerschöpflichen Fundus der Statistik: Es ist natürlich immer misslich, wenn der eigene Zug Verspätung hat. Aber es gibt garantiert immer einen Anschlusszug, der mit noch mehr Abstand hinter seinem Plan her tuckert.

Man nennt das Eisenbahners Relativitätstheorie: Irgendwann ist alles egal, die Zeit krümmt sich an Gleis 13 in sich selbst zurück.

Das war‘s dann wieder – bis nächste Woche.

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