Einigkeit und Recht und Vollkorn

Es gibt Wochen, in denen trittst du zurück.

Es hat ja wirklich Rücktritte und Tritte vor diverse Schienbeine regelrecht gehagelt. Sandro Wagner zum Beispiel. Sie wissen schon, dieser grundgelassene Fußball- und Sprachartist, der in einem früheren Leben auch mal für den SV Darmstadt 98 Rasen und Gegner zermürbte. Er hat seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt, nachdem der Bundes-Jogi ihn in Russland bei der WM nicht dabei haben wollte.

Das mache ich jetzt auch: Hiermit trete ich aus der Vereinigung der veganen Vollkornversteher zurück. Das tut denen bestimmt so weh wie dem Jogi das mit dem Sandro.

Des weiteren traten mit Mesut Özil und Ilkay Gündogan zwei weitere Ballbehandler zurück. Und zwar aus dem Kreis derer, die man noch ernst nehmen kann, wenn sie sich das deutsche Nationaltrikot überstreifen. Die beiden Erdogan-Anhänger haben das große Glück, dass der jetzt heftig herummoralisierende DFB selbst alles andere als glaubwürdig ist: Wer keine Probleme mit Turnieren in Russland und Katar hat, der taugt auch bei Erdogan nicht als glaubwürdige Instanz. Insofern dürften sie wohl weiter für den Bundes-Jogi kicken.

Trotzdem war die Aktion mit Erdogan natürlich selten dämlich und politisch verheerend. Das Dämliche kann man sich ja zumindest noch schnell erklären. Nicht jeder ist, nur weil er Fußballer ist, schon deshalb automatisch eine der helleren Kerzen auf der Torte. Aber die überforderten Posterboys haben doch wie alle Kicker Berater. Wo zur Hölle sind die, wenn man die ein einziges Mal tatsächlich braucht?

Das ganze Problem sitzt natürlich noch tiefer. Dem Ziel der Heldenverehrung – dem Möchtegern-Sultan vom Bosporus – geht ganz schön die Klammer. Wirtschaftlich geht es der Türkei nicht mehr so gut, das Kriegsabenteuer in Syrien ist in der Tat vor allem ein Abenteuer, und die Journalisten sind langsam auch alle verhaftet. Das drückt die Zustimmung im Volk, also werden holterdiepolter Wahlen anberaumt. Und prompt erdreistet sich die Opposition, ihn mit einem respektablen Gegenkandidaten abzulaufen und aus der Tiefe des Raumes auszukontern.

Da muss man dann – aus Sicht eines unfairen Angsthasen wie Erdogan – hartes Pressing spielen. Die in Deutschland lebenden Türken (mit und ohne Doppelpass) werden von ihm heftig unter Druck gesetzt. Dieser Druck ist nach dem glänzenden Spielzug der Herren Özil und Gündogan bestimmt nicht kleiner geworden.

Mesut Özil steht beim FC Arsenal unter Vertrag. Das Motto des Vereines lautet „Victoria Concordia Crescit“, was übersetzt so viel bedeutet wie „Ein Sieg entsteht aus Einigkeit“.

Der kleine Mesut muss zwar jetzt kein Latein lernen, aber hundert Mal folgenden Satz an die Tafel – oder an eine Twitterwall seiner Wahl – schreiben: „Nichts wird besser, wenn ich Menschen ohne Not gegeneinander aufbringe“. Und der kleine Ilkay postet das auf Instagram und widmet den Post all denen, die in der Türkei immer noch für Einigkeit und Recht und Freiheit einstehen.

Das war‘s dann wieder – bis nächste Woche.

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