Einer für alle

Es gibt Wochen, in denen ringst du um Worte. Aber schreibst trotzdem. Auch wenn der Humor pausieren muss.

Politikerin der Woche ist Katarina Barley. Als Bundesministerin für Justiz und Verbraucherschutz ist sie auf gutem Weg, etwas wirklich Sinnvolles und Nützliches konkret werden zu lassen: die Musterfeststellungsklage oder „Einer-für-alle-Klage“. Das Prinzip ganz grob: Wenn Sie das nächste Mal ein Auto kaufen, mit dem Sie der verkaufende Konzern leider betrügt, müssen Sie nicht als Einzelner einem Milliardenunternehmen eine Entschädigung abtrotzen, sondern können sich dazu mit anderen zusammentun.

Einer zieht also los und hilft allen. Ist das ein Traum? Was ließe sich auf diesem Weg nicht alles regeln? Böse alte Männer zum Beispiel, die Millionen von Toten als „Vogelschiss der Geschichte“ bezeichnen. Einmal wegen Volksverhetzung zum Kadi gezogen – und schon muss Opa Gauland seine stinkende braune Suppe zu Hause allein im Keller auslöffeln.

Nächstes Thema: Was konnte man nach der Randale beim Schlossgrabenfest nicht alles als vermeintliche Ursache lesen. Fehlende Kinderstube? Mangelnder Respekt vor anderen? Zu viel Alkohol? Ach was, viel zu einfach. Der Kapitalismus war schuld. Das System. Die Gesellschaft. Und die Medien wie immer sowieso. Ja, gegen solch angeranzte Weltflucht aus der Mottenkiste würde man sich auch manchmal wünschen, dass einer loszieht. Nicht, um andere Meinungen zu unterdrücken. Sondern um diejenigen, für die nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf, doch wenigstens einmal dazu zu bringen, hinzusehen und hinzuhören. Anstatt unreflektierte Vorurteile wiederzukäuen, die nicht ein einziges Problem tatsächlich präzise beschreiben geschweige denn lösen. Sondern nur mit immer gleicher Tonspur weiter entschuldigen.

Oder: Einer zieht los und zwingt diejenigen, die uns jetzt gewaltig etwas erklären müssen, sich und uns tatsächlich etwas zu erklären. Wie kann es sein, dass eine Großfamilie lange ohne Anerkennung in diesem Land lebt und dann, wenn es eng wird, plötzlich in jeder Hinsicht mobil und liquide ist und bei Nacht und Nebel in das Land zurückreist, aus dem sie vor drei Jahren doch ganz dringend weg musste? Und vor allem: Wie kann es sein, dass all das niemand bemerkt? Erklärungen und Antworten auf diese Fragen wären auch dann bereits sehr anzuraten, wenn nicht der Verdacht auf eine furchtbare Straftat der Auslöser für sie wäre. Ja, es wäre schön, wenn einfach einer für alle losziehen und Erklärungen besorgen könnte.

Vielleicht ist die Sehnsucht nach Antworten aber gerade jetzt auch die größte Gefahr. Zu viele kommen zu schnell, zu pauschal, zu einseitig. Facebook ist voll davon. So nützlich und richtig das Einer-für-alle-Prinzip vor den Schranken Justitias tatsächlich sein mag, so wenig taugt es am Ende überall dort, wo unser Miteinander nicht durch Rechtsprechung definiert und stabilisiert werden kann. Sondern nur durch Zwischentöne und Differenzierung. Die auch jetzt nicht verloren gehen dürfen. Auch wenn es schwerfällt.

Das war‘s dann wieder – bis nächste Woche.

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