Die Trauer der Tröten

Es gibt Wochen, in denen blätterst du zurück.

Ins Jahr 1951 zum Beispiel. Damals druckte die „Welt“ eine Karikatur von Mirko Szewczuk. Folgenden Inhalts: Neben einer Fachwerk-Stadt steht eine verhärmte Flüchtlingsfamilie. Aus Fenstern und Türen der Häuser quellen die – vom Wirtschaftswunder schon wohlproportionierten – Extremitäten der Bewohner. Unterschrift der Karikatur: „Kein Platz, alles besetzt.“

Woran erinnert mich das bloß? Und woher nehme ich meinen Glauben, dass es 70 Jahre später anders ein könnte? Wo Flüchtlinge doch sogar andere Nationalitäten und Religionen mitbringen?

Früher war eben auch nicht alles besser. Obwohl, manches schon: Wir haben uns ja daran gewöhnt, dass unsere U-Boote nicht fahren, die Flugzeuge nicht fliegen und die Diesel lügen. Aber jetzt funktionieren noch nicht mal mehr die Sirenen. Dieses Land scheint echt im Eimer zu sein, wenn eine Großübung nur noch trauriges Kurz-Getröte produziert. Und Apps, die langsamer sind als die Thurn und Taxissche Reichspost von 1494.

Bekommen wir denn echt gar nichts mehr hin? Und warum? Wie immer haben wir kein Kosten und Mühen gescheut, um die Hintergründe des Sirenen-Schlamassels aufzuklären. Nachfolgend das Protokoll einer erschütternden Kausalkette.

Bonn, 1993: Ministerialrat Gernot Geräuschhheimer muss was vom Tisch bekommen. Einen Sirenentest. Der Russe erscheint zwar aktuell etwas indisponiert, aber man weiß ja nie. Also gründet Geräuschheimer den Arbeitskreis Unangemeldete Alarme (Aua).

Berlin, 1999: Nach der Dienstsitzverlagerung seines Hauses nach Berlin findet Geräuschheimer die Aua-Unterlagen in einer Umzugskiste. Bevor am Ende noch jemand nachfragt, vergibt er den Auftrag extern an das Beratungsbüro Prozessunterstützung in prekären Situationen (Pups).

Berlin, 2005: Sechs Jahre und 104 Millionen Euro später legt Pups ein Test-Konzept vor. Es fällt durch, weil die in der Bedienungsanleitung keine bayerischen Dialektuntertitel enhalten sind. Geräuschheimer geht in Pension, sein Nachfolger delegiert das Projekt an die hausinterne schnelle Eingreiftruppe „Nöchts öberstörzen (Nö)“.

2012: In Kyritz an der Knatter fällt eine durchgerostete Sirene vom Dach des Feuerwehrgerätehauses. Daraufhin erklärt Kanzlerin Merkel ein neues Sirenenkonzept für alternativlos. „Macht mal was Modernes, mit Computern und so“, sagt sie.

Berlin, 2020: Seit acht Jahren protestieren Delegationen der Pressure Group „Beamte in Missmut machen es langsam (Bimmel)“ vor dem Reichstag, weil ihnen das alles zu schnell geht. Nach 2345 Mediationen hat schließlich Gesundheitsminister Spahn im Fühsommer eine wie üblich ressortfremde Idee: „Macht das doch mit der Alar-Appso wie mit meiner tollen Corona-App. Da hast du digital und musst am Ende trotzdem Formulare ausdrucken. Ist für jeden was dabei.“ Die Sirenen hörten es, rosteten still weiter – und schwiegen. Also die meisten von ihnen.

Das war‘s dann wieder – bis nächste Woche.

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