Die Mitte verliert die Mitte

Seit einer Woche wird in Frankreich Fußball gespielt. Aber nicht nur deshalb fragen wir jetzt wieder heute an dieser Stelle “War’s das?”

Bleiben wir zunächst bei der schönsten Nebensache der Welt. Bundestrainer Joachim Löw hat sich nicht ganz im Griff und greift daneben. Und das halbe Internet echauffiert sich (und die andere Hälfte echauffiert sich über die, die sich wegen Löw echauffieren). Haben wir keine anderen Probleme? Offensichtlich nicht …

Was sind dagegen schon so Kleinigkeiten wie die Flüchtlinge? Zuschrift eines Lesers zum Thema “Sichere Herkunftsländer”: Natürlich seien Tunesien, Algerien oder Marokko als sicher anzusehen. Weil all das, worüber man sich dort Sorgen machen könnte (politische Verfolgung, tödlicher religiöser Fanatismus, Schwulenhass, etc. etc.), in anderen Ländern mindestens ebenso stark oder noch schlimmer ausgeprägt sei. Wenn alles überall schlimm ist, ist alles, was wir so dagegen tun könnten, egal? Das nennt man Zirkelschluss, und das wär’s dann wohl.

Was dann nur noch zu hoffen bliebe: Dass der Bundes-Jogi niemals außerhalb eines Landes wie Frankreich daneben greift. Weil es dann sonst auch für ihn ganz schnell gewesen sein könnte.

Für Aufsehen sorgte eine Studie, die sich mit vermeintlich oder tatsächlich zunehmend extremen Ansichten der Mitte der Gesellschaft befasste. Jeder wusste sie zu lesen, jeder kam auf seine Weise in Windeseile zu meist extremen Urteilen: “Methodisch erbärmlich”, “politisch einseitig” oder – ebenso harsch – “total zutreffend” und “höchst alarmierend”. Solche Reaktionen zeigen, dass die untersuchte Mitte vor allem eines zu verlieren droht: ihre Mitte.

Was, wenn eine Gesellschaft gar keine oder so gut wie keine Mitte mehr hat? Dann sterben Menschen für ihre Überzeugungen, werden politische Debatten nicht mehr nur mit Worten, sondern mit Waffen ausgetragen. Nein, die Rede ist jetzt nicht von Algerien, sondern von Großbritannien. Die Labour-Abgeordnete Helen Joanne Cox hat ihren Eintritt für den Verbleib ihres Landes in der EU mit dem Leben bezahlt.

Großbritannien ist weiterhin als sicheres Herkunftsland anzusehen. Alle anderslautenden Behauptungen sind böswillig und gegenstandslos.

Und Amerika? Ach Amerika… Wenn man dich heute besucht, macht man sich bei der Einwanderungskontrolle ernsthaft Sorgen um seine Bürgerrechte. Und während deine Beamten uns filzen und scannen, marschiert eine dir als dubios bekannte Figur in Orlando in eines deiner zahllosen “Fachgeschäfte”, kauft eine automatische Waffe und tötet 49 Menschen. Du hast so viel Angst vor Terror. Leider nicht unbegründet. Aber wer schützt dich vor dem Feind von innen? Das kannst nur du selbst.

Wie das ohne eine wenigstens noch leidlich in sich selbst ruhende gesellschaftliche Mitte funktionieren soll, ist allerdings schleierhaft. Die Paarung der nächsten Präsidentschaftswahl steht mit Trump gegen Clinton ja so gut wie fest. Das, was insbesondere Trump nach Orlando vom Stapel ließ, lässt allerdings nichts Gutes erwarten. Der Mann stand noch nie in irgendeiner Mitte. Vermutlich würde er auch vehement bestreiten, dass er selbst eine hat.

Hochmütig auf die USA herabblicken steht uns Europäern allerdings auch nicht gut an. Das zeigt noch einmal der Blick zurück auf das Thema Fußball. Auch in Frankreich hatte (und hat) man als Gastgeberland der Europameisterschaft große Sorge vor einem Anschlag. Allein, wir brauchen den IS oder andere gefährlichen Fanatiker gar nicht. Auch bei uns kommen Dummheit und Hass nämlich von innen: Russische und englische “Fans” prügeln sich und die Stimmung ins Koma, deutsche Deppen hissen die Reichskriegsflagge. Haben die ein Glück, dass sie aus einem (für sie) sicheren Herkunftsland kommen.

Das war’s dann wieder – bis nächste Woche.

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