Die Kanzlerin ist von den Socken

Es gibt Wochen, in denen verschwindet manches auf mysteriöse Weise.

So wie Socken in der Waschmaschine. Sie kennen das ja: Man gibt zwei Socken hinein, und nur einer kommt wieder heraus. Kleinen Kindern erklärt man das mit dem Literaturklassiker “Flusi, das Sockenmonster”: Flusi frisst die Socken auf. Im übertragenen Sinn: Es lauert in der Waschmaschine, stibitzt die frisch gewaschenen Socken und stopft damit seine Höhle aus.

Größeren Kindern wie etwa Parteitagen kann man allerdings mit Flusi nicht mehr kommen. Da muss schon Angie, das Themenmonster, ran. Flüchtlingskrise? Rentenprobleme? Vergammelte Schulen? Kaputte Straßen? War da was? Einfach vor die CDU-Delegierten gestellt, “Ihr müsst mir helfen” gebarmt, und alle Kritik an der Kanzlerin verschwand. Wie aufgefressen. Das hätte Flusi nicht besser hinbekommen. Dafür gibt es 89 Grad, äh, Prozent.

Aus Unionssicht verschwand der weichgespülte Konsens blöderweise ziemlich rasch, weil die Kanzlerin einen Parteitagsbeschluss zur doppelten Staatsbürgerschaft indigniert ignorierte. Da fragt man sich schon, was für ein Theaterstück der interessierte Zuschauer in Essen aufgeführt bekam.

Man könnte auch sagen: Nach elf Jahren Merkel ist etwas Wesentliches verschwunden: die Bereitschaft zu nachhaltigen Beschlüssen, die länger halten sollen als zwei Wochen.

Angie, das Themenmonster, hat diese Form der Politik seit 2005 Stück für Stück aufgefr…, äh, gegessen. Personalisierung statt Perspektiven: Mutti sagt, was gut ist, und gut ist.

Man kann es ja irgendwo verstehen. Sie hat es zwei Mal anders versucht, und beide Male ging es schief: Energiewende und Flüchtlinge. Kommunikativ ziemliche Katastrophen. Und im Handling bestenfalls Durchschnitt. Mutti hat dann ihrem persönlichen Flusi – Kanzleramtschef Peter Altmaier – befohlen, er soll gefälligst alle Probleme aufessen. Und der Peter kann viel essen. Viel. Aber selbst für ihn war das am Ende doch zu viel. Also “Ihr müsst mir helfen”, elf Minuten Beifall. Alle, die das Essener Schauspiel verfolgten, dachten, sie sind im falschen Film.

Bis … ja bis der “Deutschlandtrend” der ARD auf uns hernieder kam wie der Blitz der Erkenntnis. Die Wahlforscher ermittelten, dass Martin Schulz als SPD-Herausforderer weitaus größere Chancen gegen Merkel hätte als Parteichef Sigmar Gabriel. Da hat Angie doch glatt seit 2005 auch noch die SPD aufgegessen. Sonst müssten die jetzt nicht einen Apparatschik aus Straßburg re-importieren.

Und was ist sonst noch so verschwunden in den letzten Tagen? Unter anderem die Hoffnung auf einen Funken Erbarmen bei Donald Trump. Ein Klimakiller als designierter Umweltminister, ein Mindestlohn-Minimierer als Arbeitsminister – da bekommt der Begriff Gruselkabinett so viel neue Nahrung, dass es einen schaudert. Ein ganzes Land frisst sich vor unseren Augen selbst auf.

Selbst schuld, möchte man da sagen. Und sich in Muttis Weichspülwelt verkuscheln. Geht aber nicht. Weil noch nicht klar ist, ob Donald, das Vernunftmonster, die nicht gleich mit auffrisst.

Denn: “Postfaktisch” ist zum Wort des Jahres gewählt geworden. Das ist Fakt – statt Flusi, Freunde.

Ein vom russischen Außenminister Lawrow geprägtes Bonmot kam erst in dieser Woche und damit für die Wahl zu spät: “humanitäre Pause”. Er meinte damit in strunzblödem Propagandasprech eine – natürlich nie realisierte – Feuerpause in Aleppo.

Wir finden: Das Humanitäre macht schon viel zu lange Pause. Nicht nur in Syrien.

Das war‘s dann wieder – bis nächste Woche. Machen wir uns bis dahin auf die Socken.

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