Anschnallen in Ankara

Wieder ist eine Woche vorbei – wir fragen wieder „War’s das?“ Nach der Resolution des Bundestages zum Völkermord an den Armeniern (ja, es war Völkermord) 1915 und 1916 hat der türkische Präsident Erdogan Blut geleckt. Nein, er will Blut sehen. Nein, er will, dass andere Blut spenden. Nein, er will, dass türkischstämmige Abgeordnete über ihr Blut nachweisen, dass… egal. Fest steht, dass Erdogan auf gut Deutsch komplett einen an der Rassel hat.

Wer das – außer Erdogan – nicht glaubt, kann gerne die Molekularbiologie befragen: Es ist mittels gängiger Tests schlicht unmöglich, über das Blut die Nationalität eines Menschen zu bestimmen. Weil es – Achtung, anschnallen in Ankara – den Türken an sich genetisch gar nicht gibt. Wie auch den Deutschen, den Franzosen und viele andere: Die Ländergrenzen sind künstlich, fast alle Nationen sind somit genetische Schmelztiegel. Also, werter Präsident: Rassenhygiene ist nicht nur wissenschaftlicher Mumpitz, sondern auch ziemlich genau seit 1945 eigentlich aus der Mode gekommen. Das war’s hoffentlich.

Bluttechnisch einiges Pech hatte auch Claudia Pechstein. Die Eisschnellläuferin, seit 2009 in juristischen Auseinandersetzungen wegen Doping verstrickt, erlitt vor dem Bundesgerichtshof eine schmerzhafte Niederlage.
Statt Schadenersatz bleiben ihr nun eine Menge Schulden. Das war‘s in dieser Grundsatzangelegenheit aber wohl noch nicht. Das Bundesverfassungsgericht soll es nun richten.

Das Grundsätzliche der causa Pechstein liegt darin, dass kurz vor Olympia in Rio jetzt wieder an allen Ecken und Enden verhandelt wird, wie sauber unser Spitzensport noch ist. Wir können das abkürzen: überhaupt nicht sauber. Wir sind schon auf den faulen Kompromiss gespannt, der es etwa den russischen Leichtathleten doch noch ermöglichen wird, am Zuckerhut anzutreten. Und das alles nur, weil Spitzensport ein scheinheiliger Teil der Außenpolitik geworden ist.

In diesem Zusammenhang: Dass die Fußball-Europameisterschaft ohne Holland stattfindet, ist nur völlig logisch, gerecht und richtig so.

Bundespräsident Joachim Gauck will keine zweite Amtszeit. Und schon wird in Berlin jeder, der nicht Angela Merkel
heißt, irgendwo von irgendwem als potenzieller Nachfolger Gaucks genannt. Ein Name, der häufiger fällt, ist der von Bundestagspräsident Norbert Lammert. Der hat in dieser Woche mit seiner Replik auf Erdogan bewiesen, dass er das Zeug dazu hätte. Männer oder Frauen seines Formats sollten die Messlatte sein. Auch im drohenden Vorwahlkampf. Was passiert, wenn man sich vor lauter Geschacher auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigt, haben wir bei Horst Köhler gesehen.

Gauck nannte sein Alter als Grund für den Verzicht. Der Präsident ist 76 Jahre alt. Damit darf man fast überall – außer in der katholischen Kirche – guten Gewissens in Rente gehen. Noch.Nur das britische Königshaus ist bei diesem Thema heute schon völlig gnadenlos. Prinz Philip – das ist der, der immer noch mit muss, wenn die Queen Schiffe
tauft, Kindergärten einweiht oder was man sonst royal so tut – ist dieser Tage 95 geworden. Reife Leistung. Als Außenpolitiker ist er allerdings – im Gegensatz zu Gauck – eher ungeeignet. Brüller wie 1997, als er Helmut Kohl mit
„Guten Tag, Herr Reichskanzler“ begrüßte, hat er in Serie geliefert. Was einige Bewohner des Südseestaates Vanuatu trotzdem nicht daran hindert, ihn als eine Art Gottheit zu verehren.

Ganz so weit hatte es Willy Brandt unter seinen Sozialdemokraten nicht gebracht. Aber fast. Allerdings könnte das Denkmal jetzt ein paar Kratzer bekommen: Der ehemalige Bundeskanzler und SPD-Chef soll als Lohn für treue West-Orientierung von der CIA jede Menge Geld bekommen haben. Grundsätze? Nur gegen Kohle. Welchen seiner Sprüche wohl Prinz Philip aus diesem Anlass hervorkramen würde? Vielleicht den hier: „Es ist eine Freude, in einem Land zu sein, das nicht von seinem Volk regiert wird.“

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