Abschied von einer Keller-Legende

Eigentlich ist jetzt die Jahreszeit der Festspiele. Aber in dieser Woche ist niemandem nach Feiern zumute und schon gar nicht nach Spielen. Die Kette von Gewalt reißt nicht ab, und alle, die Rezepte dagegen zu wissen meinen, offenbaren doch nur ihre Teilhabe an der allgemeinen Hilflosigkeit. In Bayreuth haben deshalb die Festspiele ihr spektakulärstes Stück abgesagt, den Aufmarsch der Prominenten vor dem Festspielhaus. Und schon blieben viele der üblichen Verdächtigen daheim. Was muss man sich auch fünf Stunden Wagner antun, wenn man dafür nicht einmal sein Abendkleid zum Preis eines Kleinwagens vor möglichst vielen Fotografen spazierenführen darf?

In den USA inszenieren die Demokraten die Krönung ihrer Kandidatin als Fest. Von Spielen ist allerdings keine Rede, vielmehr wurde im Vorfeld beinhart gekämpft, um dem Konkurrenten Bernie Sanders am Zeug zu flicken. Dass Hillary Clinton dennoch als Favoritin gilt, liegt an ihrem Gegner. Was wäre sie ohne Donald Trump?

Der hat sich unterdessen als Bewunderer Wladimir Putins geoutet. Vielleicht nicht ganz zufällig, denn die Mails, die Hillary Clinton in Bedrängnis brachten, kamen von russischen Hackern. Da könnte sich eine Männerfreundschaft anbahnen.

In die Runde passt jetzt auch IOC-Chef Thomas Bach, der sich als Putin-Versteher offenbart hat. Dass Julia Stepanowa, die das russische Doping-System aufgedeckt hat, nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen darf, obwohl ihre Doping-Sperre längst abgelaufen ist, vergällt den Spaß an den Sport-Festspielen.

Darmstädter können sich mit ihren Musikfestspielen trösten. Sehr nötig scheinen sie diesen Trost allerdings nicht zu haben. Alle zwei Jahre kommt die internationale Elite der Neuen Musik in die Stadt, aber die Zahl der Eingeborenen in den Konzerten wächst nur langsam. Das muss am Anfang vor siebzig Jahren anders gewesen sein. Der schönste Anruf dieser Woche kommt von einer Leserin, die Erinnerungen aus den frühen Ferienkursjahren teilen möchte. Sie erzählt vom Amateur-Streichquartett einer Bäckerfamilie namens Horn, die den Spitznamen “Hörnchen” trug – was wiederum den niederländischen Komponisten Henk Stam zu einer Komposition “für Pauke, Gasflasche und zwei obligate Hörnchen” animierte. Ein Stück subversiven Musikhumors, lange vor dem Skandalauftritt John Cages.

Von Festspielen hätte damals niemand geredet. Die kamen in Darmstadt erst später, und weil sie sich in der Hauptstadt des Understatements ereigneten, hießen sie Kellerfestspiele. Arrangiert von Pit Ludwig, dem liebenswerten Zampano der Kulturszene, wurde auf der Bühne des Kellerklubs gespielt und gefeiert, dass den Zeugen heute noch die Augen feucht werden. Pit Ludwig lebt schon lange nicht mehr, gerade erinnert eine kleine, feine Ausstellung an ihn. Aber der Kellerklub wird nach der Schlosssanierung kaum mehr eröffnet werden können. Das ist eine traurige Nachricht dieser Woche: Die Schlossherren von der TU werden eine Miete verlangen, die dem sanierten Raum angemessen, für den Kulturverein und seinen Wirt aber nicht zu stemmen ist.

Die gute Nachricht aber: Die Treffpunkte, an die man sich künftig wehmütig erinnern wird, die Originale, die sie bevölkern, gibt es heute schon. Man erkennt sie nur noch nicht. Erst der Rückblick wird sie verklären. Das war beim Kellerklub nicht anders.

Und noch zwei gute Nachrichten brachte die Woche. Zwei Jurys haben gut entschieden: die des Kesten-Preises, der kritische türkische Journalisten ehrt, während Erdogan der Pressefreiheit in seinem Land mit finsterer Konsequenz den Garaus macht. Und die des Darmstädter Musikpreises, die mit der Auszeichnung der Barocksolisten und der Besidos bewiesen hat, dass sie den Herzschlag des Musiklebens in dieser Stadt versteht.

Das war’s dann wieder – bis nächste Woche.

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