Vereint auf die Kauleiste

Es gibt Wochen, in denen sich nicht alle Fragen einfach beantworten lassen.

Zum Beispiel die, warum keine 24 Stunden nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund das Team wieder auf dem Platz stand. Man sei nicht wie Menschen behandelt worden, kam Kritik von Trainer und Spielern.

Was soll ein Fahrer eines U-Bahn-Zuges in Sankt Petersburg dazu sagen? Auch er musste nach dem Anschlag dort wieder seinen Dienst tun. Wie die Lufthansa-Crews, die nach Mogadischu 1977 weiter flogen. Wie die Polizisten, die den Berliner Weihnachtsmarkt schützten. Oder die Brücke von Westminster. Wenn es also in Dortmund darum ging, ein Zeichen zu setzen gegen alle Versuche, ein freies Leben in Stücke zu bomben, dann mussten alle antreten, die das irgendwie trotz der psychischen Belastung über sich brachten.

Sollte es aber um Fernsehgelder und Werbeverträge gegangen sein, dann wäre in Dortmund etwas Schlimmes passiert. The show must not go on.

Das Schlimme ist auf jeden Fall, dass Kommerz und Ideal für Normalsterbliche kaum noch zu trennen sind. Ganz bestimmt nicht erst seit Dortmund. Den Zorn der arabischen Welt importierte sich der Westen 1916, als die damaligen Großmächte im Sykes-Picot-Abkommen in völligem Größenwahn künstliche Grenzen durch den Orient zogen. Es ging um Öl. Also Kohle. Wie 1953 beim von der CIA und Großbritannien befeuerten Umsturz im Iran. Von diesen beiden Punkten führen gerade Linien zu allen Kriegen der näheren Gegenwart in dieser Region der Welt.

Das rechtfertigt noch lange keine Gewalt im Namen Allahs. Aber wer Wind sät, erntet fast immer Sturm. Und Trittbrettfahrer des Terrors. Auch vor unseren Stadien, ob in Paris oder Dortmund.

In solchen Zeiten hilft es, eigene Werte zu haben. Es gibt zum Beispiel wichtigeres als ein Tanzverbot an Karfreitag. Auch wenn die Debatte darum so verlässlich hochbrandet wie die um das Ungeheuer von Loch Ness.

Glücklich, wer nur solche Probleme hat. Oder meint, das seien Probleme. In Limburg darf das Glockenspiel des Rathausturms übrigens jetzt wieder „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ spielen. Trotz veganen Protests.

Da hat sich offenbar jemand an einem Stück Fleisch die Zähne ausgebissen. Aber das ist ein erträgliches Los im Vergleich zu dem, was die arme Firma United Airlines dieser Tage ertragen musste. Nur weil ein Passagier sich zwei Zähne nicht ausbiss, sondern verlor. An von United bezahlte Schläger, die ihn trotz bezahlten Flugscheins aus der Maschine zerrten. Gut, kann passieren, wenn du bei einem Laden buchst, der zwar nicht zählen kann, aber trotzdem ein Quasi-Monopol auf vielen Flugstrecken hat. Augen auf beim Ticket-Kauf.

Man stelle sich vor, die Lufthansa hätte sich so verhalten. Oder Aeroflot. Oder Air China. Der arme Donald Trump wüsste nicht, wo überall Vergeltung fällig wäre.

„United we stand, divided we fall“ heißt es in einem Lied aus der Gründerzeit der USA. Neuzeitlich frei übersetzt: Vereint sind wir stark, allein gibt’s was auf die Kauleiste. Auf alle Fälle, wenn du bei United Economy buchst.

Ironie aus: Macht Einigkeit stark? Nur wenn sie keine hohle, von anderen Interessen geleitete Geste ist. Nachfragen richten Sie bitte an die Verantwortlichen von Borussia Dortmund und alle anderen, die dieser Tage große Worte im Mund führen. Keine Zeit für einfache Antworten. Aber noch schlimmer wäre eine Zeit ohne Antworten.

Das war’s dann wieder – bis nächste Woche.

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