Recep kann zaubern

Es gibt Wochen, in denen muss man mal grundsätzlich werden.

Zum Beispiel an die Adresse von Recep Tayyip Erdogan. Sie wissen schon, der lustige kleine Demokratieverächter vom Bosporus, der jeden, der eine andere Meinung hat als er, sofort zum Terroristen erklärt. Dank seines unermüdlichen Wirkens in dieser Hinsicht hat der Begriff „Totschlagargument“ zwischen Istanbul und Diyarbakir mittlerweile eine völlig neue Bedeutung bekommen.

Manchmal ist man geneigt zu glauben, der kleine Recep könne zaubern. Zum Beispiel, wenn er nur wenige Stunden nach einem Putsch Verhaftungslisten mit tausenden von Namen aus dem Hut zieht. Oder wenn er das Datum der Entdeckung Amerikas inklusive sofortigem Moscheebau auf Kuba auf das Jahr 1178 datiert.

Okay, mit Zahlen hat er es möglicherweise nicht so wirklich. Sein Universitätsabschluss datiert aus dem Jahr 1981. Ausgefertigt von einem nach seriöser Quellenlage 1982 gegründeten Institut.

Dass er als nächstes daran arbeitet, Wasser bergauf fließen zu lassen, ist ein bösartiges Gerücht, das wir hiermit entschieden zurückweisen.

Jedenfalls kann er offensichtlich zaubern. Viele – zu seinem Leidwesen aber noch längst nicht alle – seiner Landsleute hat er mittlerweile derart verzaubert, dass er machen kann, was er will: Freiheit in allen Spielarten mit Füßen treten, die Justiz zur Farce machen und zur islamischen Eroberung Jerusalems aufrufen.

Nichts kann ihn dabei aufhalten. Dachte er zumindest bis in dieser Woche. Dann fand er einen Gegner, mit dem er nicht gerechnet hatte: Christof Florus. Christof wer? Das ist der Oberbürgermeister der Stadt Gaggenau im schönen Baden.

Gaggenau ist bekannt für seinen Nikolausmarkt, den Flößerbrunnen und ein Lastwagen-Werk von Mercedes. Und seit dieser Woche auch noch dafür, dass es dort zu wenig Parkplätze gibt. Hat der Daimler zu viele Unimogs gebaut oder was?

Egal. Jedenfalls haben Herr Florus und seine wackeren Mitstreiter in der Verwaltung mit Verweis auf die etwas enge Parkplatzsituation doch tatsächlich einen Auftritt des türkischen Justizministers verhindert. Und seitdem ist der Teufel los.

Und weil das so ist, schalten wir hier jetzt den Ironiemodus aus. Sehr geehrter Herr Erdogan, damit wir uns ganz klar verstehen: Von Ihnen und den Sprechpuppen aus Ihrem Kabinett brauchen wir exakt nullkommanull Belehrungen in Sachen Meinungsfreiheit. Ich weiß, mit Zahlen haben Sie es wohl nicht so. Aber Null ist eine Ziffer, die lässt keine Interpretationsspielräume zu. Das lernt man in der Grundschule.

Wenn Sie wollen, dass wir Sie wieder als Gesprächspartner akzeptieren, lassen Sie meinen Kollegen Deniz Yücel unverzüglich frei. Und all die anderen Journalisten, die nichts anderes gemacht haben als ihren Job, am besten gleich mit.

So lange, wie Sie das nicht tun, halten wir Ihnen diplomatisch alle Türen offen (wo ist eigentlich Sigmar Gabriel, wenn man ihn braucht?). Aber verhöhnen lassen müssen wir uns nicht. Egal, was Frau Merkel Ihnen vielleicht versprochen hat.

Einer der Journalisten, der die Brandrede zur Eroberung Jerusalems protokollierte, war übrigens Deniz Yücel.

Der offizielle Wahlspruch der Türkei lautet „Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt“. Mit all den Menschen zwischen Istanbul und Diyarbakir, die daran immer noch glauben, würden auch wir das am liebsten sofort wieder tun.

War sonst noch was? Ach ja, Donald Trump hat eine Rede gehalten, die annähernd anerkannten Gepflogenheiten der Höflichkeit entsprochen hat.

Die Hoffnung stirbt also zuletzt – auch in der nächsten Woche.

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