Schwund im Altenheim

Es gibt Wochen, in denen man einfach nicht an den Briefkasten gehen sollte.

Außer Werbung fallen da zu oft deprimierende Sachen raus. Der neueste Bescheid der Rentenversicherung etwa. Der angeblich eines Tages zu erwartende Betrag ist – Tusch – niedriger als der, der noch vor einem Jahr in Aussicht gestellt worden war.

Man hätte vielleicht doch einmal versuchen sollen, auch das allerkleinste Komma der gefühlt 78. Rentenreform zu verstehen. Gut, man hat ja immerhin versucht, privat dem erwartbaren Schwund entgegenzusteuern.

Und schon fällt wieder was aus dem Briefkasten. Der gegen den Schwund bemühte Finanzdienstleister weint auf drei Kilo Papier bittere Tränen und will doch nur eine Botschaft loswerden: Vergiss alles, was wir dir jemals zugesagt haben. Zinsen sind sowas von out, da fällt uns leider auch nichts mehr ein. Außer gar nichts mehr zu versprechen. Oder neue Produkte anzubieten, mit denen man den Schwund bei der Schwundbekämpfung garantiert bekämpfen kann. Jetzt aber wirklich. Ehrlich. Bestimmt. Vielleicht. Hoffentlich.

Der Briefkasten ist zu gefährlich. Macht einen fertig. Lieber den Fernseher einschalten.

Auch keine gute Idee. Da läuft irgendeine Talkshow, in der man sich ziemlich einig ist, dass Bargeld wie Zinsen auch bald sowas von out sein wird. Ist also auch keine wirkliche Alternative, zur Bekämpfung des Schwundes bei der Bekämpfung der Schwundbekämpfung die Kohle einfach in die Matratze einzunähen.

So langsam kommt man sich wie eine Geisel vor. Man will ja nicht jammern und ist mit seinem Leben auch absolut zufrieden. Im Moment jedenfalls. Aber wie viele Pleitebanken und Schuldenstaaten gibt es eigentlich auf dieser Welt, die man mit seiner Rente retten soll? Wenn das so weiter geht, wahrscheinlich bald mehr als Rentner, die sich diesen Status noch leisten können.

Aber Bange machen gilt nicht. Irgendwo muss doch noch was anzulegen sein. Die Rettung kommt – man glaubt es kaum – erneut aus dem Briefkasten.

Zunächst sieht sie aus wie eines jener Blättchen, die man sofort wegwirft. Aber dann wird man stutzig. Sechs, sieben oder acht Prozent Rendite werden da versprochen. Von einem durchaus bekannten Finanzinstitut. Nicht mit Windrädern (zu windig, dieses Geschäft), nicht mit irgendwas aus China, und auch nichts mit Top-Anwälten aus Nigeria. Nein, mit Altenheimen. Tschuldigung, mit Residenzen für den goldenen Abschnitt des Lebens.

Ganz in der Nähe wird eine gebaut. Und die Anlage sei bombensicher. Goldig. Also gut, man war sich schon immer sicher, dass bei den Preisen, die für einen Pflegeplatz aufgerufen werden, was hängen bleibt. Aber so viel? Wie geht das?

Eine Antwort kommt – schon wieder – aus dem Briefkasten. Es steckt die Zeitung drin, und in der ist ein Artikel über Zustände in einer anderen Residenz für den goldenen Abschnitt des Lebens … gar nicht goldig. Da weiß man, wie Rendite entstehen kann. Übrigens auch ganz in der Nähe.

Hinsetzen, nachdenken. Worin genau besteht also die Perspektive? Man soll sich, wenn man den Schwund bekämpfen will, Rendite suchen. Am besten mit Engagements in Objekten, in denen man, wenn man nur alt genug wird, eines Tages selbst zum Renditespender wird. Wie tief wollen wir eigentlich noch sinken?

Memo an mich selbst: In einigen Monaten ist Bundestagswahl. Zeit genug für Antworten. Falls sich die Parteien dazu in der Lage sehen oder nicht selbst schon längst in Rente sind.

Das war‘s dann wieder – bis nächste Woche.

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