Was nicht sein darf

Es gibt Wochen, in denen verbietet sich die ansonsten an dieser Stelle durchaus gerne eingesetzte Ironie.

Also gut, schauen wir dieser Woche ins Gesicht.

In Berlin sorgt nach Lage der Dinge ein seit Jahren krimineller Tunesier für großes Leid, weil er mit einem Lkw als Waffe über einen Weihnachtsmarkt rast. Zwölf Menschen sterben. Dutzende sind verletzt und werden sich von diesem Vorfall nie wieder erholen. Vier Tage später wird der Verdächtige in Italien erschossen.

Noch sind noch nicht alle Opfer identifiziert. Wir wissen: Unter den Toten sind mindestens sechs Deutsche, ein polnischer Lkw-Fahrer, eine Italienerin und eine Frau aus Israel.

Der Mörder am Steuer hat also billigend in Kauf genommen, dass er Menschen wahllos und völlig unabhängig von ihrer Herkunft tötet.

Glaubt jemand wirklich, dass er am Lenkrad gedreht oder gebremst hätte, wenn er hätte erkennen können, ob ihm ein Christ oder ein Moslem vor den Kühlergrill gerät?

Krieg und Hass sind immer gleich. Auf gleiche Weise furchtbar. Egal, welche Herkunft man hat und an welchen Gott man glaubt.

Auf eine andere Weise furchtbar war der Überbietungswettbewerb, mit dem Teile der Politik bereits in die Debatte einstiegen, als die Retter noch um das Leben der Opfer kämpften. Zunächst galt ein Pakistani als Täter, der “Raus mit den Flüchtlingen”-Chor mit “Her mit der Obergrenze”-Refrain schwoll entsprechend an.

Blöd nur, dass der Mann wohl unschuldig war.

Dann geriet Anis Amri ins Visier der Fahnder. Ein Mann, an dem sich Behörden dreier Länder seit sieben Jahren ohne Erfolg abgearbeitet hatten, der mit vier Identitäten jonglierte und von dem die deutsche Polizei sagte, dass sie ihn besser lückenlos überwacht hätte.

Es aber wegen – offen eingestandenen – Personalmangels nicht mehr konnte.

Die Abschiebebehörden konnten ihn wiederum nicht abschieben. Weil sie sich mit Formfehlern im eigenen Schriftsatz verhedderten.

Wir kommen also zu folgender vorläufigen Einschätzung: Behördenversagen schwerer Preislage.

Vorläufig deshalb, weil die Gretchenfrage bei der Analyse lauten muss: Hätten die Behörden eine Chance gehabt, wenn sie rechtlich, personell und materiell besser gerüstet gewesen wären? Hätten sie eine Chance gehabt, wenn ihre Belastung geringer gewesen wäre? Zumindest an diesem Punkt wären wir dann doch noch einmal beim Thema Obergrenze.

Allein: nein. Es hat ja schon belegbar nicht funktioniert, bevor die Belastung des Jahres 2015 kam. Es sind Strukturen und Abläufe, die nicht stimmen.

Die Obergrenzen-Debatte täuscht darüber perfide hinweg. Sie funktioniert wie ein Zirkelschluss: Nur weil ein Problem nicht mehr sein darf, ist es nicht mehr da? Ebenso lächerlich wie brandgefährlich. Aber einfach und schnell in ein Mikrofon gebellt. Und schneller in Punkte an der Wahlurne umzumünzen als harte Arbeit am Problem.

Weihnachten ist eigentlich die Zeit der Hoffnung. Gab es in dieser Woche etwas, was Hoffnung gab? Wenn Menschen Grenzen Grenzen sein lassen, zusammenarbeiten, ihre Kräfte nicht auf Zerstörung konzentrieren, dann geschieht immer noch scheinbar Unmögliches. Die 1891 von Georg Merck aus Darmstadt gegründete heutige US-Pharmafirma Merck hat in kanadischen Labors einen Impfstoff gegen Ebola entwickelt und ihn in Westafrika mit Erfolg getestet. Und damit Hoffnung für Zehn- und Hunderttausende von Menschen geschaffen.

Nur ein Beispiel. Wir finden weitere – auch nächste Woche.

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