Menschlichkeit und anderes Gedöns

Das war’s also für Dirk Schuster und die Lilien. Nachzukarten gibt es nichts. Aber Respekt zu zollen für eine großartige Leistung, die über die Punkte in der Tabelle weit hinaus geht und weiter wirken wird. Da wie dort: Schuster hat in Augsburg einen Vertrag bis 2019. Er könnte also, vorausgesetzt sein alter und neuer Klub halten die derzeitige Spielklasse, regelmäßig nach Darmstadt zurückkehren. Fragt sich nur, in welches Stadion. Aber das ist ein ganz anderes Thema, bei dem mal irgendjemand sagen müsste „Das war’s“. Wiedervorlage garantiert.

Bleiben wir noch ein wenig beim Fußball, genauer gesagt bei Jérome Boateng, der sich vor lauter neuen Lieblingsnachbarn kaum noch retten kann. An dieser Geschichte stinkt so einiges. Und das Schlimme ist, dass man nicht so genau weiß, was eigentlich mehr stinkt: die übliche AfD-Prosa oder die verdächtig schnell und noch verdächtiger flächendeckend angelaufene Empörungsmaschinerie.

War’s das? Besser also ganz schnell einen Haken an diese Geschichte? Nein, dazu ist sie zu grundsätzlich. In Zeiten, in denen der Wettlauf um Aufmerksamkeit auf immer mehr Kanälen immer lauter, immer schneller, immer harscher, aber keineswegs immer tiefgründiger wird, ist Glaubwürdigkeit ein immer wertvolleres Gut. Immer öfter hält eine krawallig heraus geblökte Schlagzeile nur noch fünf Minuten. Dann blökt jemand noch lauter, oder die nächste Sau wird bereits durchs digital-mediale Dorf getrieben. Zwischentöne? Ausgeruhte Analyse? Die Frage nach der Geschichte hinter der Geschichte? Alles sowas von 20. Jahrhundert …

Sind das nun gute oder schlechte Zeiten für Journalismus? Das ECHO stellt sich ab heute neu auf und überlässt sich dem Urteil seiner Leser und User. Wir geben alles, freuen uns über Reaktionen und bitten darin wenn überhaupt nur um eines: um Zwischentöne.
Und was war sonst so los? Eine mutmaßliche IS-Terrorzelle soll einen Anschlag auf die Düsseldorfer Altstadt geplant haben. Einige ihrer Mitglieder sollen als getarnte Flüchtlinge über die Balkanroute eingeschleust worden sein. Das war mit Sicherheit noch nicht die ganze Geschichte, aber wir wissen noch zu wenig für abschließende Erklärungen. Aber eines wissen wir: Die Terrorfürsten in Rakka und andernorts nehmen es als Zusatznutzen mit Sicherheit nur allzu gerne in Kauf, dass Flüchtlinge als solche jetzt mit nochmals gesteigertem Misstrauen betrachtet werden. Die Erregungsspirale läuft jedenfalls schon auf Hochtouren.

Nicht erst seit Düsseldorf. Der gezielt gesäte Unfrieden treibt schon länger finstere Blüten. Im sächsischen Arnsdorf haben in dieser Woche vier Männer einen psychisch kranken Iraker, über dessen tatsächliches Bedrohungspotenzial die Polizei noch rätselt, schon mal präventiv aus einem Supermarkt gezerrt und mit Kabelbindern an einen Baum gefesselt. Und für diese „Zivilcourage“ sogar noch Beifall bekommen. Das war’s dann wohl, zumindest für Menschlichkeit, christliches Abendland und so’n Gedöns.

Ein Held der Menschlichkeit ist in dieser Woche gestorben: Rupert Neudeck. Mit seiner „Cap Anamur“ rettete er seit 1979 über 10000 vietnamesische Flüchtlinge aus dem Chinesischen Meer. Ein politischer Streit über die Aufnahme der „boat people“ entbrannte auch damals. Manches ändert sich also nie? „Ich möchte nie mehr feige sein“ war Neudecks Motto, das er seinen Kritikern entgegenhielt. Zu Kabelbindern hat er jedenfalls nicht gegriffen.
Die libysche Marine hat am Donnerstag 117 Leichen im Mittelmeer geborgen, Hunderte Menschen werden vermisst. Vor Kreta ist ein weiteres Boot mit über 300 Menschen gesunken. Die meisten konnten gerettet werden.

Das war’s – bis nächste Woche. In der die Menschen in Niederbayern und andernorts hoffentlich nicht mehr besorgt zum Himmel blicken müssen.

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