Puppen, Perücken und Kommissar Rocky

Neben einem Brautmodegeschäft quetscht sich der kleine Laden in die Häuserfront an der Konstablerwache in Frankfurt. Aus dem Schaufenster schauen gesichtslose Puppen in bunten Perücken und Schulmädchenkostümen. Hier, zwischen Verkleidungen, Accessoires und Manga–Magazinen arbeitet Nina Wadkien, 26. Langes , braunes Haar, helles Top, blaue Jeans, sympathisches Lächeln. Am 19. Juli wird sie für ein paar Stunden nicht mehr Nina sein. Dann ist in Frankfurt zum zehnten Mal „Cosday“, und Nina wird zu Aerith.

Aerith ist ein Charakter aus dem Konsolenklassiker Final Fantasy 7. Eine tragische Heldin. Sie ist Ninas Lieblings-Cosplay. Der Begriff Cosplay kommt von „costume“ und „play“ und heißt übersetzt „Kostümspiel“: Die Verkleidungskünstler schlüpfen in Charaktere aus ihren Lieblingscomics, Computerspielen oder Filmen. Das Zentrum der deutschen Szene ist in Frankfurt am Main. In Ninas kleinem Laden, dem „Kostümspiel“.

Hier stapeln sich in Kisten Kostüme, Perücken und anderes Zubehör. Im Hintergrund läuft leise der Soundtrack des Disney-Films „König der Löwen“. Nina ist das „Mädchen für alles“. Kunden wollen beraten, Kostüme versendet und Rüstungen zurechtgeschnitten werden. Eigentlich ein Fulltimejob. Nebenbei schreibt sie noch Bücher und ist Herausgeberin der „Cotaku“, einer Cosplay-Zeitschrift.

Nina als Aerith Foto: Gross

Nina als Aerith Foto: Gross

„Meine Mom meinte, ich sehe der Hauptfigur aus Final Fantasy ähnlich,“ erzählt Nina. Auf einer Convention habe sie dann zum ersten Mal Cosplayer gesehen und beschlossen, das auch mal zu auszuprobieren. Es blieb nicht beim Versuch. Heute ist „Miss Chocolate Confiserie“ eine Veteranin der Szene.

Auf die Frage hin, was sie so sehr daran fasziniere, sich als Manga-Mädchen zu verkleiden, lacht Nina kurz auf. „Das frage ich mich oft selbst“, sagt sie dann. Sie überlegt einen Moment. „Der Reiz ist es, sich komplett zu wandeln.“ Wahrscheinlich seien es aber auch die kreativen Facetten, die sie begeisterten: Das Nähen und Basteln. Die meisten Cosplayer kreieren ihre Outfits nämlich selbst.

Sarah Bruss hat Cosplay damals an „Mamas Nähmaschine“ entdeckt. Nach konkreten Vorlagen entwarf sie ihre ersten Verkleidungen. Seit letztem Jahr lässt sich die Frankfurterin ihre Kostüme von „talentierteren“ Leuten erstellen. Sarah selbst hat keine Nähmaschine. „Das soll aber kein Hindernis sein mein favorisiertes Cosplay zu verkörpern“, sagt sie. „Es macht einfach riesigen Spaß in eine andere Rolle zu schlüpfen und eine ganz andere Seite von sich zu zeigen.“

Die Cosplay-Gemeinde wächst. „Die Conventions müssen in immer größere Hallen verlegt werden“, sagt Sarah. Mit seinem Publikum wächst auch „Kostümspiel“. Angefangen hat es als Online-Versand „myCostumes“, dann kam das Ladengeschäft, heute versenden Nina und ihre Kollegen die Waren bis ins Ausland. Das schillernde Sortiment aus fertigen Kostümen und kruden Werkstoffen kommt hauptsächlich aus China. Das Konzept des Ladens ist in Deutschland einzigartig. Und entsprechend erfolgreich.

Das "Kostümspiel" von Innen Foto: Wadkien

Das “Kostümspiel” von Innen Foto: Wadkien

Sind die Brustpanzer dann angelegt, die Röcke glatt gebügelt und die Helme gerichtet, trifft sich die bunte Cosplay-Gemeinde. Hauptsächlich, um mit Gleichgesinnten in Kontakt zu kommen. Aber auch, um berühmte Verkleidungskünstler und Zeichenstudios live zu erleben. Und wegen der Wettbewerbe. „Unter den Cosplayern herrscht großer Konkurrenzkampf“, sagt Nina. Trotzdem hat sie viele Freunde in der Szene.

Neben dem reinen Look seien es auch die handwerklichen Fertigkeiten, die ein gutes Kostüm auszeichneten. „Auf der Buchmesse gab es mal eine Dame, die nichts trug außer ein paar Klebestreifen an prekären Stellen,“ sagt Nina über das wahrscheinlich schlechteste Cosplay, das ihr einfällt. Eine „lächerliche Eigenkreation“. Tolle Werke aber gebe es wesentlich mehr. Die Bandbreite der Verkleidungen reicht von Naruto, über die Yoshis aus Super Mario bis hin zu Jon Snow aus Game of Thrones.

Alle möglichen Menschen seien in der Szene aktiv, sagt Nina. Sie erzählt von einem fünfzig Jahre alten Physiklehrer, der immer noch leidenschaftlich cosplayt. Ein Urgestein der Szene. „Es wäre schon schön, wenn mehr Männer cosplayen würden,“ meint sie. Viele der männlichen Figuren werden von Frauen dargestellt; die Charaktere sind häufig androgyn gezeichnet . Aber es würden echte Kerle fehlen, die auch die muskelbepackten Anime–Haudegen richtig verkörpern können, sagt Nina. Insgesamt seien die Frauen deutlich in der Überzahl, etwa im Verhältnis 80 zu 20.

Ein paar „Nerds, die druchdrehen“ gebe es aber trotzdem, berichtet Nina. „Ich war mal als Rocky aus Pokemon unterwegs. Und einer wollte, dass ich ihn fessele.“ Generell komme es aber auf das das Kostüm an, wie sexuell aufgeladen die ganze Sache sei. „Es gibt halt einige, die verwechseln Cosplay mit diesen Anime– und Manga-Pornos.“

Und das obwohl Cosplay oft als Kinderkram abgestempelt wird. Immer seltener allerdings. Trotzdem geht Sarah mit ihrem Hobby nicht unbedingt hausieren. Vorurteile, dass Cosplayer verspätete Karnevalisten und männliche Fans pauschal schwul seien, hört Sarah nämlich noch oft genug. Damit möchte sie sich eigentlich gar nicht auseinandersetzen. “Selbst viele meiner Freunde wissen nichts von meinem Hobby,“ erzählt sie. Nina hat ähnliche Erfahrungen gemacht: Cosplay sei oft verpönt, weil andere meinen, man flüchte sich in eine Fantasiewelt, sagt sie. Man wolle ja nicht als Freak abgestempelt werden. „Andere gehen halt am Wochenende feiern und saufen, ich setze mich lieber hin und nähe meine Kostüme.“

Nina hat die Erfahrung gemacht, dass es nur darauf ankommt, wie man sich und Cosplay präsentiert: „In der Berufsschule wurde Cosplay anfangs auch belächelt. Als ich erzählt habe, dass ich alles selbst nähe und baue, waren die anderen dann doch ein bisschen beeindruckt.“ Und auch Sarah sieht ein Licht am Horizont: „Meine eingeweihten Freunde und meine Mama finden mein Hobby eigentlich doch ganz amüsant.“

Alexander Gottschalk und Jan Hongsermeier

Gipfelstürmer

Boulderer in Aktion im Blockwerk Mainz Foto: Blockwerk

Boulderer in Aktion im Blockwerk Mainz Foto: Blockwerk

Sonnenstrahlen scheinen durch die Dachfenster und machen Wolken aus Magnesiumstaub sichtbar, die durch den Raum ziehen. Im Hintergrund läuft klassischer Hip Hop und verbreitet eine entspannte Atmosphäre. Der Boden ist vollständig mit dicken Sportmatten ausgelegt, die Wände mit vielen bunten Griffen bedeckt. Wir befinden uns in einer Kletterhalle, oder genauer: in einer Boulder-Halle, in diesem Fall im Blockwerk Mainz.

Bouldern ist abgeleitet aus dem englischen „boulder“, übersetzt etwa „Felsblock“. Beim Bouldern klettert man ohne Sicherung. Gebouldert wird in Hallen oder in freier Wildbahn an Felswänden und Felsblöcken. Die Pfade an den Wänden in der Halle nennt man Kurse. Sie sind unterteilt in Schwierigkeitsgrade (von Anfänger bis Profi), die farblich markiert sind. Um Verletzungen zu vermeiden, wird bei einem Sturz der Aufprall durch dicke Matten gemildert. Zusätzlich kann auch eine zweite Person mit ausgestreckten Armen den Fall ein wenig abfangen, „Spotten“ genannt. Im Gegensatz zum Klettern kann man auch alleine bouldern, da das Verletzungsrisiko bei nahezu Null liegt.

Weiterhin unterscheidet sich Bouldern vom regulären Klettern vor allem durch die anders gelagerten Schwerpunkte. Obwohl die Kurse generell sehr viel kürzer sind, ist der Anspruch höher. Nicht das Ankommen ist das Wichtigste, sondern den Kurs möglichst effektiv zu bestreiten.

Was in einer Boulderhalle sofort auffällt, ist die Offenheit und Solidarität der anwesenden Mitstreiter: „Wenn man einmal nicht weiterkommt, ist es nicht selten, dass man plötzlich von wildfremden Menschen angefeuert wird oder Tipps bekommt, wie man es besser machen kann“, sagt Thomas Seil, der ein Stammkunde im Blockwerk ist.

Als ich mit dem Bouldern anfing, wuchs nach den ersten Stürzen sofort die innere Motivation, den Kurs packen zu wollen. Auch wenn ich nach den ersten 30 Minuten keinerlei Kraft mehr in den Fingern hatte, trieb mich der Wille besser zu werden voran. Dabei erfuhr ich Bouldern als ein intensives Ganzkörpertraining, das viel Körperspannung, kräftige Arme und Beine verlangt. Wie es aussieht, wenn man Bouldern professionell betreibt, zeigt zum Beispiel das Trainingsvideo des deutschen Jan Hojer.

Wer also Lust hat, seine Grenzen zu testen, ist beim Bouldern richtig. Nette Menschen, tolle Atmosphäre, ein Blick lohnt sich.

Marcel Ober

Die Selfie Perspektive (Part 2)

Nachdem ich bereits kundgetan habe, was ich über Selfies denke, wollte ich einfach mal einen Selbstversuch starten. Zugegeben, natürlich hatte ich auch schon vorher hier und da ein Selbstporträt von mir alleine oder mit Freunden gemacht. Schließlich ist das ja auch viel einfacher als irgend jemand Fremden anzuquatschen, der im Zweifelsfall noch mein Handy fallen lässt. Ein weiterer Vorteil: Ich kann so viele Bilder machen bis ich mir wirklich gefalle oder eben bis mein Speicher voll ist.

Ein Selfie im Fitnessstudio durfte natürlich auch nicht fehlen. Ganz schön sportlich sehe ich dabei aus.

Ein Selfie im Fitnessstudio durfte natürlich auch nicht fehlen. Ganz schön sportlich sehe ich dabei aus.

So habe ich mich also die letzten Wochen in sämtlichen Situationen selbst fotografiert und muss sagen –  es hat wirklich Spaß gemacht. Es ist kaum zu glauben, aber ich kam nach wenigen Wochen auf knapp 100 Selfies!

Anfangs dachte ich, Selfies seien reine Selbstdarstellung, was auch stimmt. Muss man denn wirklich in allen möglichen Situationen sein Gesicht in die Kamera halten und das seinem virtuellen Umfeld mitteilen? Ja und Nein. Fotos von sich zu machen, finde ich absolut okay. Jedes einzelne davon  ständig irgendwo zu teilen, muss nicht unbedingt sein. Deswegen bin ich wohl auch keine „Selfie-Queen“.

Aber ich bin der Meinung, dass uns Selfies in der heutigen Schnelllebigkeit und dem Informationsüberfluss dabei helfen können, Momente festzuhalten und diese nicht so schnell wieder zu vergessen.

Wenn ich durch meinen Fotostream scrolle, der jetzt zu 80 Prozent aus Selfies besteht, zaubert mir das jedesmal ein Lächeln aufs Gesicht. Einerseits aus Belustigung darüber, in welch sinnlosen Situationen ich mich fotografiert habe, andererseits weil ich mich an die schönen und witzigen Momente erinnere.

Schließlich bekommt ein Bild von einer Gracht in Amsterdam doch viel mehr Persönlichkeit, wenn zwei grinsende Gesichter davor zu sehen sind.

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Selfie schießen und dabei die Augen aufhalten ist gar nicht so einfach!

Etiennette Reimann

Einmal Fixie, immer Fixie?

Ein bisschen in die Jahre gekommen, ziemlich stylisch, bunt und sehr minimalistisch. Fixies, Fixed Gear, One Gear nennen die Kenner sie, andere Fans sprechen auch von Single Speed Bikes.

Eppi, der gelernte Zweiradmechaniker aus Frankfurt kennt sich bestens aus. „Fixies verwandeln sich gerade wieder in klassische Rennräder“, weiß er. Dennoch, für Fahrradkuriere ist das Fixie immer noch die Nummer eins. Kurierfahrer haben dieses Fortbewegungsmittel nicht erst erfunden. Man hat sich die simple Technik vom Sport auf der Radrennbahn (daher auch der Name „track bike“) abgeschaut. „One Gear“ – also lediglich ein Gang, kein Leerlauf. Manche Postboten in den Metropolen dieser Welt verzichten sogar auf zusätzliche Bremsen, hier muss die eigene Muskelkraft herhalten. „Du musst halt nicht mehr ständig in die Werkstatt“, das kann jede erfahrene Bikerin bestätigen. Je weniger Material am Rad ist, desto seltener geht etwas kaputt.

Was beim „Normalo-Stadtrad“ funktioniert, nämlich bergab rollen lassen, ist hier nicht so einfach: ein echtes Fixie hat keinen Leerlauf! Also immer schön treten, treten, treten! Mit ein bisschen Übung und Balance funktioniert das aber. Dazu kann man ohne Probleme rückwärts fahren und muss an der Ampel nicht absteigen. Besonders für Fahrradkuriere ist das von Vorteil: Sie haben an manchen Tagen einen straffen Zeitplan von neun bis achtzehn Uhr einzuhalten. „Wenn ich Hautproben für unseren Kunden von A nach B bringen muss, kann ich nicht rumtrödeln“, erklärt mir Bike Messenger Eppi aus Frankfurt. Um pünktlich zu liefern, müsse man sich oft durch enge Parklücken oder zwischen zwei Stadtbussen hindurch schlängeln. Dabei profitiert er davon, dass man mit dem Fixie schneller anfahren kann, als mit dem klassischen Rad.

            Radkurier in London und sein „Fixie“ mit „spoke cards“. Quelle: wikipedia.de


Radkurier in London und sein „Fixie“ mit „spoke cards“. Quelle: wikipedia.de

Spaßig wird es dann erst nach Feierabend. Wenn die Bike Messenger ihre Alley Cats veranstalten. Eine Ansammlung von Kurierfahrern trifft sich mitten in der Nacht und startet ein inoffizielles Wettrennen durch die Stadt. Eine Art Schnitzeljagd auf Rädern. Sogenannte Checkpoints werden kurz vor dem Start bekannt gegeben, dann geht die Jagd zu den einzelnen Stationen los. Es geht um Schnelligkeit, es geht ums Gewinnen, aber es geht vor allem um den Spaß.

Wer es wirklich ernst meint mit dem Fixie fahren, der muss sich entscheiden: Schnell anfahren (= kleinere Übersetzung) oder lieber später Tempo machen (= größere Übersetzung). Und Bremsen dran bauen kann auch nie schaden.

Wenn wir jetzt euer Interesse an dem Thema “Fixies” wecken konnten, bekommt ihr gleich noch mehr: Für euch haben wir uns mit einem Frankfurter Fahrradkurier unterhalten, der auf Fixies schwört. Viel Spaß!

Wie heißt du eigentlich?

Nenn mich Eppi.

Und wo kommst du her?

Aus Memmingen.

Wie oft bist du als Messenger unterwegs?

Drei bis vier Tage in der Woche. Neun Stunden am Tag.

Was hast du vorher gemacht?

Ich bin Zweiradmechaniker-Meister. Irgendwann hatte ich keinen Bock mehr aufs Rumschrauben.

Okay… Erzähl mal ein bisschen mehr über deinen Job als Bike Messenger…

Kurierfahren ist kein toller Job, irgendwann wird man überfahren. It’s not rocket science. Und so..

Was ist das Beste an deinem Job?

Es ist halt wie Abends ins Fitnessstudio zu gehen, man hat seinen Ausgleich.

Du arbeitest hier in dem Fahrradladen, wo ihr viele Fixed Gear Bikes umbaut. Wie sieht die Rad-Szene generell aus?

Die ist ziemlich bunt! Fahrräder begeistern alle als Fortbewegungsmittel. Man ist mobil. Ich finde, man kann Fahrräder schon mögen. Viele machen das hobbymäßig. Manche sind auch im Fahrradpolo unterwegs. Ich jetzt weniger.

Wieviele Fahrräder besitzt du?

Das hier ist eins von sieben. (dreht den Kopf in Richtung Radladen)

„Messenger fahren keine schönen Räder!“

„Messenger fahren keine schönen Räder!“

Was sind aktuell die Trends in der Szene?

Die bunten Fahrräder sind eher Relikte aus früheren Zeiten. Der Trend geht eher in Richtung zweifarbig. Dunkle Töne, reduzierter. Das ist ja meistens so, erst baut man viel dran, dann wird es wieder weniger und aktuell baut man an die Fixies wieder als Rennräder um und Gänge dran.

Ihr habt gar kein Schild an dem Laden.

Ja, es gab einen Besitzerwechsel, wir haben noch kein Logo. Der Name steht aber schon:
Päärots and croows.

Wofür steht das?

Der Papagei steht für den Kunden, der mit seinen bunten Wünschen zu uns kommt. Wir Messenger und Mechaniker sind da eher wie Krähen. Schlicht, unauffällig, grau.
Als Kurierfahrer tut man so, als wenn man unsichtbar ist. Ich bestehe nicht auf meine Vorfahren. Man versucht möglichst wenig anzuecken. Am Besten nicht auffallen! Der Kunde ist eher der kauzige Typ, der was ganz spezielles, also Custom Bikes, will.

Alles andere als unsichtbar!

Alles andere als unsichtbar!

Hast du manchmal Stress in deinem Job?

Ein Problem ist, dass die Autos in Frankfurt immer breiter werden. Manchmal wird’s schon ganz schön eng. Es kommt in der Regel dreimal am Tag vor, dass Leute meinen, Erziehungsmaßnahmen einleiten zu müssen. Das ist eher frustrierend.

Hier gibt es gar keinen Radweg… Wo fährst du dann?

Auf der Straße, da wo ich hingehöre. Die Akzeptanz gegenüber Fahrradfahrern wird außerdem größer, wenn kein Radweg an der Straße ist. So ein 30 cm Streifen ist eher kontraproduktiv.

 

Wie weit fährst du am Tag?

So zwischen 80-130km.

Was ist das Beste am Kurierfahren?

Bei so ‘nem Wetter draußen zu sein. Und die komischen.. die bisschen Verrückten, die hier rumhüpfen. Alle sind so ein bisschen nett.

Was macht ihr nach Feierabend?

Wir chillen zum Beispiel an der Alten Oper. Das ist ein ganz zentraler Ort, man kann sitzen, kommt schnell ins Westend und sonst überall hin. Es gibt eine Toilette, einen Kiosk und einen Brunnen. (grinst) Vor allem im Sommer verliert man viel Wasser beim Fahren, da ist so ein Brunnen schon ganz gut.

Was muss man können, um bei einer Kuriermeisterschaft mitmachen zu können?

Man muss Kurier sein, und ein bisschen intelligent, um die Fragen beantworten zu können. Ich hab’ zum Beispiel in Mainz teilgenommen. Für Locals ist das natürlich leichter, weil auch Fragen gestellt werden wie zum Beispiel: Wann wurde die Brücke soundso gebaut. Es gibt auch offene Meisterschaften, also wo jeder, der kein Messenger ist, mitmachen kann.

Was hälst du von den Critical Mass Aktionen?

Also ich finde das moralisch eher schwierig. Wenn man so die komplette Straße blockiert. Autofahrer, die nicht wissen um was es geht werden von den übermotivierten Teilnehmern nicht selten zur Sau gemacht.

Was sind das für Leute die da mitmachen?

Öko-Typen (schmunzelnd) und Hardcore-Fahrrad-Aktivisten, die am liebsten jedes Auto in die Luft jagen würden. Eine Meinung, die sich durchaus diskutieren lässt.

Ich habe das Gefühl „Alleycats“ sind da eher spielerisch. Erzähl mir mehr davon…

Es gibt die Spoke Card, das ist sozusagen die Eintrittskarte. Die klemmt dann in den Speichen. Es gibt im Groben zwei Arten von Alley Cats: Die mit einem Fahrplan, den man sich vorher anschaut um dann die einzelnen Checkpoints anzufahren. Oder Monopoly, da gibt es fünf feste Checkpoints. Würfelt man zum Beispiel die drei, dann muss man erst zur Station 3 fahren. Dann würfelt man wieder, zum Beispiel die fünf und fährt halt da hin. In Hamburg nennen die das „St. Paulopoly Alleycat“.

Hanna Simon

„Ich versuche, die Spots möglichst geheim zu halten“

Irgendein Junge mit Skateboard und Einsteiger-Kamera – das war Paul Herrmann vor drei Jahren. Mittlerweile hat sich der erst 15 Jahre alte Gymnasiast zu einer festen Größe der Skateboardszene im Rhein-Main-Gebiet entwickelt. Er ist recht zierlich, schultert jedoch eine umso größere Kameratasche. Mit seinen aufwendig geschnittenen Videos erreicht der junge Filmer über seinen Youtube-Kanal Tausende von Zuschauern. Wenn er in den Straßen filmen geht, nimmt er nur seine engsten Freunde mit: Fahren an den „Spots“ zu viele Skater, ist die Gefahr zu groß, von Anwohnern oder Hausmeistern verjagt zu werden. Wir durften den Hofheimer auf einer Tour durch Frankfurt begleiten – und haben den Filmer beim Filmen gefilmt.

Tom Weimar

Kunst oder Vandalismus?

Für viele ist es Vandalismus, Andere sind immer mit der Kamera unterwegs um neue Werke zu finden. Graffiti spaltet nicht nur Jung und Alt, sondern polarisiert Menschen aus verschiedensten Gruppen. Wir haben uns mit Graffiti-Künstlern und der Polizei getroffen, um beide Seiten besser kennenzulernen.

Felix Deister, Naoual Abardah, Hafida Benaouda, Jessica Küney

Texte für den kollektiven Orgasmus

Poetry Slam, Song Slam, Science Slam. Eigentlich das gleiche und doch ganz anders. In den unterschiedlichen Slams geht es im eigentlichen Sinne nicht um einen Schlagabtausch. Beim Poetry Slam zum Beispiel treten Poeten auf eine Bühne und tragen ihre Gedichte vor. Diese müssen sich nicht immer reimen. Die Texte haben keinerlei Vorgaben, was den Inhalt angeht. Es geht darum etwas sozialkritisches, manchmal sexistisches oder auch lustiges vorzutragen. Hauptsächlich geht es um den Spaß und das Spielen mit der Sprache. Die Künstler treten gegeneinander an und eine zufällig ausgewählte Jury bewertet den Vortrag. Das Finale wird durch die Lautstärke des Beifalls entschieden, jeder Teilnehmer hat genau sechs Minuten Zeit, um die Jury zu beeindrucken.

„Einen Punkt gibt es für Texte, die niemals hätten geschrieben werden dürfen, und zehn Punkte für einen Text, der hier einen kollektiven Orgasmus auslöst.“ erklären uns die Moderatoren des Campus Poetry Slam an der FH Frankfurt vor Beginn des Wettbewerbs. Es beginnt mit einem Song Slam. Der erinnert ein wenig an die großen Casting Shows Fernsehen, aber eben nur ein wenig. Alle Texte müssen selbst geschrieben sein, die Musik mit der Gitarre ist immer handgemacht. Die Atmosphäre des Song Slams wirkt dadurch wunderbar ehrlich.

Die Gewinner des Song Slams – Das Duo byebye aus Leipzig

Im anschließenden Poetry Slam buhlen 10 Poeten um die Gunst der Jury. Und die ist gleich zu Beginn nicht zimperlich, wenn es darum geht, einen Beitrag auch mal negativ zu bewerten. Texte wie „Die Notwendigkeit des Furzes im 21. Jahrhundert“ und „Das Handbuch für unkomplizierten Sex“ schallen durch das Mikrofon auf der kleinen Bühne. Das Publikum lauscht angespannt, aber nicht andächtig. Es lacht, pfeift und raunzt. Denn auch wenn es noch nicht bewerten darf, die Zuschauer zeigen, ob ihnen der  Vortrag gefällt. Die Stunde der Demokratie schlägt dann im Finale. Wie auch beim Song Slam treten hier die Gruppensieger mit neuen Stücken gegeneinander an und werden durch den Applauspegel des Publikums bewertet. Ein klarer Sieger des Poetry Slams lässt sich an diesem späten Abend allerdings nicht ermitteln. Wie so oft beim Fußball heißt es heute: unentschieden.

Christoph Bayer & Philipp Bender

Grunge-Funk-Junglepunk

Gruppe 2 Gieskannegroß

The Moglis entspannt zuhause im Garten. Foto: Paul Bohlender

Jeder fängt mal klein an – auch, oder vor allem, Rockbands. Wer schon mal vor 5 Leuten auf verstimmten Instrumenten gelärmt hat, weiß einfach, was Rock n`Roll ist. Wir haben „The Moglis“ zum entspannten Bandtalk getroffen und mit ihnen über ihren „GrungeFunkJunglePunk“ und ihre erste LP „…nicht so schlimm!“ gesprochen.

 

Diesen Freitag (04. Juli) stellen „The Moglis“ im Jazzkeller in Hofheim ihre LP „…nicht so schlimm!“ vor, die ab sofort auch bei spotify und Konsorten erhältlich ist.

Tom Weimar, Florian Wurster, Alexander Gottschalk

Zu Tisch, bitte

Zu Tisch bitte-redig

Klassische Kickeraufstellung 2-5-3. Tischfußball aus der Torhüterperspektive. (Foto: Christian Daum)

„ Noch sieben Minuten bis zum Turnierbeginn“, tönt es aus den Lautsprechern der „Goldenen Krone“, einer beliebten Studentenkneipe und dem ältesten Gebäude in Darmstadt. Hier tummeln sich die unterschiedlichsten Menschen auf engstem Raum, aber jeden Donnerstag scheppert es in dem Lokal. Dann nämlich veranstalten die Tischfußballer ihr Kickerturnier, um wöchentlich den Besten zu ermitteln.

Wir haben uns in den Raucherraum verzogen, nippen an unserem Bier und testen unsere  Tischfußballkünste. Überrascht von der eigenen Schwäche, überlassen wir das Feld schnell Anderen, die wesentlich talentierter sind. Gut, dass wir uns nicht angemeldet haben. Die Profis an den anderen Tischen würden uns ja zu Null abschlachten, ist unsere einhellige Meinung über das, was wir gerade am Kicker zusammengespielt haben.

Pünktlich zum Start des Turniers mischen wir uns unter die Teilnehmer und begutachten das Treiben an den Tischen. Gespielt wird im Modus Zwei-gegen-Zwei. Die Doppelpartner wurden kurz vor Beginn ausgelost. Auch zwei Frauen sind dabei. Das Ganze erinnert uns an normale Fußballspiele, bei denen es wirklich um was geht. Einen halben Meter über den drei Turniertischen schweben Leuchten, die Flutlichtatmosphäre schaffen. Es sieht so aus, als ob jeder jeden kennt. Nichtsdestotrotz spüren wir, dass wir uns hier in professionellen Kickerkreisen bewegen.

An einem Tisch gegenüber von uns sitzt Zoran Zunk, der ebenfalls an dem Turnier teilnimmt. Er hat heute das erste Mal seine Tochter mitgebracht, die mit uns gespannt auf den Einsatz ihres Vaters wartet. Bevor es für ihn losgeht, wechseln wir mit ihm ein paar Worte. Wir trinken Bier, unterhalten uns über das Reglement und die Spieler und beobachten dabei das Geschehen. Uns fällt auf, dass einige der 18 Teilnehmer an der rechten Hand einen dünnen Kunstlederhandschuh tragen. „Der Handschuh sorgt beim Torschuss für den nötigen Grip und eine höhere Geschwindigkeit”, erklärt uns Zoran. Wie im echten Fußball gibt es auch hier Lieblingspositionen. Manche Spieler möchten lieber im Angriff spielen, andere bevorzugen das Tor und die Verteidigung. „Man sollte sich vor Spielbeginn mit dem Partner absprechen, wo er lieber spielen möchte. Ich spiele beides gerne.“

Dann wird es Zeit für Zoran. Er nimmt noch einen letzten Schluck aus seinem Glas und begibt sich zu seinem zugelosten Partner. Nach einem kurzen Gespräch wird klar: Er wird die Verteidigung spielen. Die Spieler fetten die Stangen, mit denen die Figuren auf dem Feld bewegt werden, vor Spielbeginn mit einem öligen Tuch leicht an. Es soll ja während des Spiels nicht haken. Ein kurzes Händeschütteln, und los geht’s!

Wir sind von Anfang an von der Geschwindigkeit begeistert. Schnelle Handbewegungen, zügiges Zuspiel und viele Torschüsse. Der Schweiß auf der Stirn spricht für Konzentration und körperliches Engagement. Nach zehn Minuten kehrt er zu uns an den Tisch zurück. „Leider verloren!“ Zoran sieht sich selbst noch als Anfänger und spielt aktiv erst seit sechs Monaten bei Turnieren mit. Trotzdem macht es ihm großen Spaß, und der familiäre Umgang miteinander ist ein einzigartiges Erlebnis.

Jonas Rütten und Christian Daum

Inklusion auf Rädern

Torwart Lennart König in Aktion

Torwart Lennart Krönung in Aktion

Es läuft die letzte Minute, es steht unentschieden. Man merkt beiden Mannschaften an, dass sie alles gegeben haben. Einen Angriff hat Lennart im Tor noch gegen sich. Der Ball wird an den Kreis durchgesteckt. Die Angreiferin zögert einen Moment, täuscht an und wirft den Ball per Aufsetzer ins Tor. Das ist der Siegtreffer für meine Mannschaft! Lennart kann ihn nicht verhindern.

Ein ganz normales Handballspiel – aber auf Rädern. Alle Spieler haben nahezu gleiche Bedingungen: Die mit körperlicher Behinderung sitzen in Rollstühlen, die Fußgänger, wie wir die nichtbehinderten Mitspieler nennen, sitzen auf Rollbrettern. Sogar Jonathan (20) im Elektro-Rollstuhl kann bei uns mitmachen: „Dafür muss ich gar nicht werfen können. Wenn man den Ball unter meinen linken Arm klemmt, kann ich ihn ganz normal passen und verteilen“, erklärt er.

Natürlich kann man das Tempo unserer Spiele nicht mit solchen vergleichen, die sich durch Dribblings und Sprungwürfe auszeichnen. Und dennoch gibt jeder alles! Wir sind zwar nicht alle gleich schnell, wendig und treffsicher, doch jeder kann etwas zum Spiel beitragen. Außerdem sorgen wir am Anfang immer dafür, dass zwei ungefähr gleich starke Mannschaften gegeneinander spielen.

Der Wettkampfgedanke steht nicht im Vordergrund. Wir wollen uns sportlich betätigen und Spaß haben, körperliche Behinderungen sollen dabei möglichst keine Rolle spielen. Es ist egal, wie alt jemand ist, und ob Junge oder Mädchen. Völlig zutreffend bemerkt Lennart (18), dass in unserer Sportgruppe die inklusiven und sozialen Aspekte sehr wichtig seien. Dennoch könne man gut Ehrgeiz entwickeln, sagt er.

Angefangen hat alles vor etwa zwanzig Jahren, als Sportangebot für Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Ich bin seit 15 Jahren dabei. Es gibt immer noch einen harten Kern, doch mittlerweile reicht die Altersspanne vom Teenager bis zum Erwachsenenalter. Am Anfang spielten wir eher Kinderspiele wie Brennball und Fangen, seit ein paar Jahren fokussieren wir uns dagegen voll auf Handball.

Zur selben Zeit kamen auch immer mehr Leute ohne Behinderung zu uns. Startschuss für unser Inklusions-Projekt war eine Kooperation mit einer 10. Schulklasse, die ihr soziales Projekt mit uns absolvierte. Beide Gruppen lernten dabei sehr viel voneinander und wir bauten schnell Berührungsängste ab. Gegenseitiger Respekt war die Basis für ein Gelingen des Projektes.

roll2Auch in den Jahren danach ist es uns gelungen, Menschen ohne Behinderung für unser Handballtraining zu gewinnen. Seit kurzem bei uns ist Lucy Singer: Die Studentin musste sich erst daran gewöhnen, sich auf dem Rollbrett fortzubewegen. „Aber es macht Spaß“, sagt sie.

Joachim Fischer (50), ist Leiter und Trainer unserer Sportgruppe, spielt aber meistens selbst mit. Er sagt: „Unser Rollstuhl-Handball funktioniert fantastisch! Jeder kann nach seinem Leistungsvermögen am Spiel teilnehmen.“ Ein paar Regeln haben wir der Fairness halber angepasst: Man darf zum Beispiel – je nach Wurfkraft – näher ans Tor. Dennoch wird keiner bevorzugt oder benachteiligt.

Handball ist im deutschen Rollstuhlsport kaum bekannt. An eine eigene Liga wie im Basketball ist nicht zu denken. Trotzdem wünscht sich Joachim Fischer, selbst an Krücken gehend, mehr inklusive Handballmannschaften, „damit wir uns auch mal mit anderen messen können.“ Genau darauf hoffe ich auch. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir noch mehr Spieler ohne Behinderung für uns gewinnen können.

Daniel Wydra