Unter Giftzwergen und Bankräubern

Die kleine Alisa Tessari beim Halli-Galli-Test. Alle Fotos: kth

Die kleine Alisa Tessari beim Halli-Galli-Test. Alle Fotos: kth

„Wir haben nur 700 Tische. Ob die reichen?” Michael Blumöhr ist skeptisch. Im Saal des Darmstädter Kongresszentrums ist das   Gedränge groß, freie Plätze sind kaum zu sehen. 3300 Besucher kamen vergangenes Jahr zu „Darmstadt spielt”, diesmal sind es wohl noch ein paar mehr. Südhessens größte Spielemesse wächst und wächst.

Rappelvoll ist nicht nur der Haupt-Saal des Darmstadtiums.

Rappelvoll ist nicht nur der Haupt-Saal des Darmstadtiums.

Auf allen Ebenen des Darmstadtiums wuseln am Wochenende Spielefreunde durch die Gänge oder spielen Boccia auf den Treppen. Boccia? „Das heißt Crossboule”,  belehrt  ein Achtjähriger. Eine mit Granulat gefüllte Stoffkugel  muss möglichst nahe an  eine andere Stoffkugel geworfen werden. „Und jetzt gehen Sie da vorne mal aus dem Weg.”

Michael Blumöhr,  Vorsitzender des Spielekreises Darmstadt, hat die Messe 1994 aus der Taufe gehoben. Damals  kamen  nur wenig  mehr als hundert Besucher in die Loge neben dem Staatstheater. Heute reichen selbst im Kongresszentrum die Räume kaum aus. Die Organisatoren von Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), vom Verein Ehrenamt für Darmstadt  und dem Spielekreis sind mit 120 Helfern zwei Tage lang im Einsatz. Es gibt einen Flohmarkt, eine Verlosung,  ein Nachtgeländespiel,  Turniere  und natürlich die Ausleihe mit mehr als 1000 Gesellschaftsspielen. Wer eines  testen will, muss bloß ein Pfand hinterlegen.

Tobias Seehaus (9) aus Darmstadt testet mit seinem Vater Rainer das Spiel "Auf die Nüsse". Wer besser schummelt, ist ungewiss - zum Schluss gewinnt aber meist Tobias.

Tobias Seehaus (9) aus Darmstadt testet mit seinem Vater Rainer das Spiel "Auf die Nüsse". Wer besser schummelt, ist ungewiss - zum Schluss gewinnt aber meist Tobias.

Jürgen-Hermann Ott (50) ist aus Kassel angereist. 2012 hat er seinen eigenen Spiele-Verlag gegründet – ein Ein-Mann-Unternehmen, das in Darmstadt auf Kundschaft hofft. Im Angebot: „Giftzwerge” – ein Spiel rund ums Rasenmähen. Weil kein Verlag ihm das abkaufen wollte, hat Ott es nach nur 20 Jahren Bedenkzeit selbst produziert.

„Ich hab mich immer so über den Krach aus Nachbars Garten geärgert”, erzählt Ott. Also entwickelte er  eine Mischung aus  Memory und Malefiz, bei der eine Runde aussetzen muss, wer mit seinem Rasenmäher einen Gartenzwerg überfährt, und bei der ein Maulwurf wie ein Stoppschild wirkt: Halt, hier geht’s nicht weiter! Die Maulwürfe sehen zwar aus wie dunkle Hydranten, aber die Besucher an Otts  Tisch stört das nicht. „Ich könnte es stundenlang spielen”, sagt Daniel Drott (11) aus Groß-Umstadt.

Reger Andrang an der Spiele-Ausleihe.

Reger Andrang an der Spiele-Ausleihe.

15 Verlage sind im Darmstadtium mit eigenen Ständen vertreten, hinzu kommt der eine oder andere Erfinder, der hier seine Prototypen testet. Etwa Till Meyer, der ein „Bankraub”-Spiel mitgebracht hat. „Bei solchen Messen kriegt man wichtige Anregungen, etwa für Regeländerungen”, erzählt er. „Bankraub” soll 2013 veröffentlicht werden – doch noch werden Finanziers gesucht. Also verteilt Ott fleißig Visitenkarten und bietet Crowdfunding an: Wer sich am „Bankraub” beteiligt, erhält exklusive Spielfiguren und Karten mit dem eigenen Konterfei.

Lou, Julian, Florian und Jan (von links) während des Carcassonne-Turniers.

Lou, Julian, Florian und Jan (von links) während des Carcassonne-Turniers.

Im Obergeschoss  rauchen derweil die Köpfe. Florian Schäfer (33), Jan Fischer (22), Lou Wagner (11) und Julian Süss (11) liefern sich beim „Carcassonne”-Turnier einen spannenden Kampf um Wiesen und Straßen. Zum Schluss gewinnen die Erwachsenen, aber das war nur Zufall, finden Julian und Lou, die beide zum ersten Mal „Carcassonne” gespielt haben. Den Gesamtsieg holt sich letztlich ohnehin ein anderer: Stephan Bay aus Darmstadt. Er darf Südhessen 2013 bei der Deutschen Carcassonne-Meisterschaft vertreten.

„Spielen fördert das soziale Miteinander und verbindet die Generationen”, sagt Co-Organisator Michael Lindner, Jugendreferent vom  BDKJ. „Die Kinder lernen, auch mal zu verlieren.” Oder zu schummeln.

Alisa Tessari (4) und ihre Schwester Belinda (11) probieren "Jolly Octopus" aus.

Alisa Tessari (4) und ihre Schwester Belinda (11) probieren "Jolly Octopus" aus.

Vor allem Familien nutzen die Gelegenheit, Neuerscheinungen zu testen. „Schließlich steht Weihnachten  bevor”, sagt Sabrina Tessari aus Aschaffenburg. Sie ist mit ihren Töchtern Alisa (4) und Belinda (11) unterwegs. Vier mögliche Geschenke haben sie bereits ausprobiert, von „Halli Galli” bis  „Jolly Octopus”. Sicherlich würde Sabrina Tessari gerne noch mehr erzählen – doch Alisa drängt ihre Mutter bereits weiter zum nächsten Tisch.

Der neueste Schrei sind kooperative Spiele wie die „Legenden von Andor”. Hier treten die Akteure nicht gegeneinander an, sondern müssen gemeinsam Probleme lösen. Generell werde es aber immer schwieriger, auf dem Spielemarkt den Überblick zu behalten, findet Michael Blumöhr. „Die Zahl der Neuerscheinungen  steigt, die Produktzyklen werden  kürzer.” Früher, sagt Blumöhr, habe ein gutes Spiel drei bis vier Jahre überstanden. Heute verschwinden die meisten schon nach einem Jahr  aus den Regalen. Immerhin: Von einer Wirtschaftskrise ist in der Branche kaum etwas zu spüren.

Der dreijährige Ben Zehrbach aus Gadernheim ist vom vielen Spielen schon ganz erschöpft.

Der dreijährige Ben Zehrbach aus Gadernheim ist vom vielen Spielen schon ganz erschöpft.

Erstmals gibt es bei der Messe sogar kostenlose Kurse und Workshops – etwa zur Erlebnispädagogik, zum Trommeln oder zum „Werwolf”-Spielen. Der Mainzer Komponist Rainer Johann Gross beispielsweise stellt Spiel-Lieder für den Unterricht vor – mit Triangel, Klanghölzern und viel Bewegung. „Singen mit Händen und Füßen” nennt er das. Hauptsache, es wird überhaupt gesungen. Das sei in vielen Familien leider verschütt gegangen, sagt Gross. Dabei fördere das Singen  doch   Sprachempfinden, Rhythmusgefühl und sogar das mathematische Verständnis.

Die alten Spielefüchse Roland Peter (links) und Ralph Hans Steiner testen das neue "Terra Mystica".

Die alten Spielefüchse Roland Peter (links) und Ralph Hans Steiner testen das neue "Terra Mystica".

Nebenan wirbelt Klaus Scheuermann zur Musik von Bob Marley seine Schwinglis durch die Luft – selbst entworfene  Schnüre mit jeweils zwei Bällen an den Enden. „Das verbessert die Auge-Hand-Koordination”, erzählt der Pädagoge. Viele Kinder bleiben spontan stehen und machen mit. Bewegen sich die  Kleinen sonst  zu wenig? Scheuermann verneint: „Das Problem sind nicht die Kinder, sondern ihre faulen Eltern. Die sind oft schlechte Vorbilder.” Sieht fast so aus. Erwachsene halten an Scheuermanns Stand lieber ein Schwätzchen.

Ben und Tabea Zehrbach

Ben und Tabea Zehrbach bei einer Partie "Schweineschwarte".

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5 Antworten auf Unter Giftzwergen und Bankräubern

  1. Vielen Dank für den Artikel!!

    Rainer Johann gross

  2. Jens Zehrbach sagt:

    Schöner Bericht und tolle Bilder.
    DANKE Hecki

  3. Horst sagt:

    Hallo Hecki,

    leider wie immer…ein spannender Bericht mit tollen Fotos. Weiter so!!!

  4. Martino sagt:

    … wir freuen uns schon auf die Giftzwerge im Rahmen des Familienspieletages im Kasseler Rathaus am Sonntag, den 25. November! Nächstes Jahr dann hoffentlich auch mit Bankräubern.

  5. ktheck sagt:

    So, kleiner Nachtrag noch von meiner Seite:

    1.) Die “Darmstadt spielt”-Veranstalter sprechen mittlerweile offiziell von 3700 Besuchern.
    2.) Das “Giftzwerge”-Spiel von Jürgen-Hermann Ott stelle ich demnächst hier nochmal ausführlicher vor – sobald meine Co-Tester Zeit dafür hatten.
    3.) Wer sich für das Crowdfunding-Projekt “Bankraub” interessiert, erhält hier weitere Informationen.

    Beste Grüße,
    kth

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