Spielt mir das Lied vom Tod

Claudia Cardinale in "Spiel mir das Lied vom Tod". Foto: dpa

Claudia Cardinale in “Spiel mir das Lied vom Tod”. Foto: dpa

Ich bin ein Ausbeuter. Tag für Tag schuften meine Mitarbeiter im Staub des Mittleren Westens, irgendwo zwischen Phoenix, Dallas und Chicago. Für eine Handvoll Dollar verlegen sie Schotter und  Eisenbahnschienen, und wenn sie zu schwach sind oder unter der sengenden Sonne am Anstieg der Rocky Mountains wegsterben wie die Fliegen, werden sie eben durch neue Tagelöhner ersetzt. Es ist eine harte Arbeit für harte Männer, aber für Sentimentalität ist in meiner Welt kein Platz. Hauptsache, es geht weiter voran nach Westen.

Gestatten, Heck! Thomas Heck. Ich bin Eigentümer einer kleinen Eisenbahnlinie, nennen wir sie der Einfachheit halber die „Hecki Railway”. Täglich erobere ich Strecken von Boston bis Los Angeles, und mein häufigster Passagier bin ich selbst. Mein Leben ähnelt also ein wenig dem des Eisenbahn-Barons Morton aus „Spiel mir das Lied vom Tod” – nur ohne die schöne Musik und, leider, auch ohne Claudia Cardinale.

Nicht stören: kth nach Dienstschluss. Foto: Sabine Eisemann

Nicht stören: kth nach Dienstschluss. Foto: Sabine Eisemann

31 784 mal war ich auf meinen Strecken bereits unterwegs – online. Ein paar hundert, vielleicht tausend Mal auch am Brett. „Zug um Zug” hat mich süchtig gemacht. 2004 war es „Spiel des Jahres“ und bescherte seinem Erfinder Alan R. Moon und dem französischen Spieleverlag Days of Wonder den Durchbruch. Zwei Jahre später wurde ich Deutscher Meister, und seitdem entführt mich „Zug um Zug” allabendlich zwischen Dienstschluss und Morgengrauen auf nordamerikanische Gleise. Das klingt jetzt alles ein bisschen zwanghaft, und vermutlich ist es tatsächlich so, dass ich nach längerer Abstinenz Entzugserscheinungen bekommen würde. Aber woher sollte ich das wissen? Länger als eine Woche habe ich noch nie pausiert.

ZuZ, wie wir es nennen, ist ein tolles Spiel. Wir Online-Spieler reden oft in Kürzeln, schließlich wollen wir spielen und nicht quatschen. Um möglichst viel Zeit zu sparen, schreiben wir also „gw” (statt Glückwunsch), „vs” (Viel Spaß) oder „hf” (have fun). Denn natürlich ist „Zug um Zug” international. Abends, wenn ich in das Spiel einsteige, ärgere ich mich meist mit europäischen Gegnern herum. Nachts, wenn meine Augen leicht quadratische Züge …äh… Formen annehmen, stellen sich fast nur noch Amerikaner in meinen Weg. Verdammte Bande!

Es ist ein allnächtlicher Kampf um die besten Strecken. Zielorte – etwa Miami und Toronto oder Vancouver und Santa Fe – müssen miteinander verbunden werden. Laut Spielregel geht es um das geschickte Reisen von Passagieren, aber das ist natürlich Unsinn, denn die könnten sich ja einen Waggon teilen. Sinn macht das Regelwerk nur, wenn man es als Streckenbau begreift. Für den braucht man passende Farbkarten. Lange Strecken sind ein bisschen lukrativer als kurze, und rund um Los Angeles und New York ist das Gedränge immer besonders dicht.

Mit Bahnhöfen und Fährverbindungen: Zug um Zug Europa. Foto: Days of Wonder

Mit Bahnhöfen und Fährverbindungen: Zug um Zug Europa. Foto: Days of Wonder

Man kann eigene Zielkarten erfüllen – das ist ganz nett und befriedigt vor allem Anfänger. Oder aber man blockt den Gegner so lange, bis er weinend über seiner Tastatur zusammenbricht. Ich bevorzuge Letzteres, bei zartbesaiteten „Zug um Zug”-Spielern bin ich daher ähnlich beliebt wie Guido Westerwelle, Fußpilz oder Brechdurchfall. Fairness ist eben manchmal Definitionssache, ich spreche da gerne von internationaler Härte.

Spielen fördert das Miteinander, heißt es. Stimmt – aber nicht immer. Ich habe mich schon mit so manchem Kameraden aus Übersee oder Köln verkracht. Online geht das manchmal ganz schnell. Ich war aber auch schon bei Spielern in der Schweiz, in Freiburg, Berlin, Wien oder im Sauerland zu Besuch. Wir nennen das dann Trainingslager. Viele Freundschaften sind im Laufe der Jahre entstanden.

Ehrgeizig sind fast alle Spieler. Es gibt sogar eine „Zug um Zug”-Weltrangliste. Vor ein paar Jahren war ich mal für gefühlte fünf Minuten die Nummer Eins. Gefeiert habe ich aber trotzdem drei Tage. Seitdem warte ich darauf, dass mich die „Stern”-Redaktion endlich mal anruft für ihre Rubrik „Was wurde eigentlich aus…?”.

Fleißig: die Passagiere im Deutschland-Spiel. Foto: Days of Wonder

Fleißig: die Passagiere im Deutschland-Spiel. Foto: Days of Wonder

Außerdem existieren Online-Nationalmannschaften, Einzelwettbewerbe, der Fed-Cup, mehrere Ligen und Champions-League-Teams, und wer einmal Kapitän einer solchen Truppe ist, wird hofiert wie die Prinzessin auf der Erbse – oder eben als solche beschimpft. Meine Champions-League-Bande umfasst Spieler aus Deutschland, Spanien, den Niederlanden und eine Österreicherin. Wobei wir lange gezögert haben, ausgerechnet einen Holländer zu verpflichten: Weiß man denn, ob so ein Wohnwagen-Profi überhaupt Ahnung vom Zugfahren hat? Aber, hey, er war der Beste, den der Spielermarkt hergegeben hat. Und für eine fette Ablösesumme war ich zu geizig.

Auch das noch: Seit Dezember gibt es "Zug um Zug Afrika". Foto: kth

Auch das noch: Seit Dezember gibt es “Zug um Zug Afrika”. Foto: kth

Ob ich „Zug um Zug” empfehlen kann? Die Regeln sind kinderleicht, die Spiele sehr ansprechend gestaltet, die taktische Tiefe ist enorm. Mit Gegnern auf höchstem Niveau ergeben sich bisweilen Duelle auf Schach-Niveau. Laaaaaaaanges Grübeln inklusive. Wobei lang in der Online-Welt relativ ist. Nach ein paar Minuten des Nachdenkens segnet meist die Computer-Verbindung das Zeitliche. Also entscheidet man sich dann doch viel schneller als beim Brettspiel.

Dieses gibt es längst in zig Varianten. Neben der USA-Karte existieren auch eine Europa-Mappe, ein Deutschland-Spiel, „Zug um Zug Skandinavien” und Abenteuer für die Schweiz, Indien, Asien und – seit vergangenem Monat – Afrika. Jede dieser Versionen hat leicht unterschiedliche Regeln, und ich mag sie alle. In Europa und der Schweiz dürfen auch Tunnels gebaut sind, die meist viel zu teuer sind – für Asien gibt es eine sehr gelungene Team-Erweiterung. Und „Zug um Zug Afrika” bietet eine sehr hübsche Möglichkeit, den Wert einzelner Strecken zu verdoppeln.

Tatort vieler böser Blockaden: Zug um Zug USA.  Foto: Days of Wonder

Tatort vieler böser Blockaden: Zug um Zug USA. Foto: Days of Wonder

Nur auf der Deutschland-Karte haben sie Darmstadt vergessen. Skandal! Ich habe mir deshalb neulich noch mein eigenes „Zug um Zug Hessen” gebastelt, mit Strecken von Baunatal bis Fürth im Odenwald und einer total innovativen Fährverbindung zwischen Bingen und Rüdesheim.

Aber sonst bin ich ganz normal. Hoffe ich. Und jetzt hört endlich auf, mir in den Weg zu bauen.

 

Das gibt sechs Punkte.Das gibt sechs Punkte.Das gibt sechs Punkte.Hier kann man meine große Liebe übrigens online spielen – allerdings sind nicht alle Länderkarten im Angebot.

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Eine Antwort auf Spielt mir das Lied vom Tod

  1. Pingback: Auf der Wasserstraße abgesoffen | kth spielt – das Spieleblog

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