Neues aus Essen (2)

"Mea culpa". Foto: Lotte Schüler

“Mea culpa”. Foto: Lotte Schüler

Lotte Schüler hat sich weiter auf der Spielemesse in Essen umgesehen. Diesmal geht es unter anderem um Kirchenspiele. Aber bevor Ihr jetzt erschrocken wegklickt: Die sind halb so wild.

Wir schreiben das Jahr Anno Domini 2016. Vor 499 Jahren zog Martin Luther den Zorn der kirchlichen Würdenträger auf sich wegen seiner 95 Thesen zur Reform der Kirche. Und so ruft man das kommende Jahr als Lutherjahr aus. Da werden auch Spieleautoren und Verlage fündig, wenn sie nach Themen für eine neue Spielidee suchen. Beim Gang über die “Spiel ’16″ in Essen fiel mir das Spiel “Mea Culpa” aus dem Zoch-Verlag auf. Hier ist das Thema mittelalterlichen Ablasshandels, sündiger Päpste und mächtiger Kaiser in ein Spiel umgesetzt. Zu Sündern werden alle, ob durch Habgier, Wolllust oder kleine Sünden. Und seine Sünden bringen den armen Spieler näher zur Hölle – so der Papst das will. Glücklicherweise gibt es Spenden, und diese wiederum verhelfen zu Ablassbriefen, mit denen bekanntlich der Sprung ins Fegefeuer vermieden werden kann. Selbstverständlich können besonders Habgierige auch besonders viele Spenden aufbringen. Vor allem mit Spielern, die das Thema zelebrieren und sich an der Ironie erfreuen, macht es Spaß, einen Platz zu ergattern, der von der Hölle am weitesten entfernt ist. Manches spielerische Element wirkt etwas aufgesetzt, mögen die Autoren dafür Vergebung finden.
“Solar fides” von Spielworxx hat eine etwas ältere Spielidee an das Luther-Thema angepasst. Kurzerhand wurde der Wahlkampf in den USA in den Kampf der Fürsten im Mittelalter übertragen. Die Frage heißt jetzt nicht “Republikanisch oder demokratisch?” sondern “Katholisch oder protestantisch?”.
Auf dem Spielplan von “Luther – Das Spiel” aus dem Kosmos-Verlag reisen die Spieler durch die Lande und besuchen Persönlichkeiten und Orte, die mit dem Wirken des Reformators in Verbindung stehen. Man sammelt Plättchen und Karten für Siegpunkte und lernt nebenbei etwas über die Geschichte der Reformation.

Mein Lieblingsspiel bislang ist “Via Nebula”, erschienen bei Space Cowboys, im Vertrieb von Asmodée. Zu Beginn einer Partie wabert dichter Nebel durch die Täler des Spielplans. Es ragen Bauplätze aus der grauen Suppe heraus, Rohstofffelder und leider auch Felder die weder betreten noch in Transportwege umgewandelt werden dürfen. Die Bauaufträge verlangen nach bestimmten Rohstoffkombinationen und bescheren beim Fertigstellen Siegpunkte, eventuell noch einen Bonus. Der Witz dabei ist, möglichst geschickt Wege zur eigenen Baustelle zu erschließen. Noch lieber aber lässt man sie durch andere erschließen und transportiert dann fröhlich pfeifend das Material zum eigenen Baukran. Das Spiel enthält genug Ärgerpotenzial, um interaktiv zu sein, und genug Planungsmöglichkeiten, um auch Vielspieler anzusprechen.
Der Ravensburger Spieleverlag hat zwei seiner Klassiker aufgepeppt. “Das verrückte Labyrinth” gibt es mit einem Spielplan, der im Dunkeln leuchtet. Und das Bauspiel “Make ‘n’ Break” hat jetzt als “Make ‘n’ Break Architekt” bunte Zollstöcke in der Spieleschachtel. Wie gehabt sollen auf den Karten vorgegebene Bauaufträge mit dem Spielmaterial möglichst schnell erfüllt werden. Da werden die Zollstöcke hektisch aufgeklappt und Figuren daraus gebaut. Schwieriger wird die Aufgabe, wenn auch die Farben stimmen müssen – und noch schwieriger wird es, mit verbundenen Augen zu bauen.

In diesem Jahr scheint es kaum ein neues Spiel zu geben, das als ultimativer spielerischer Geheimtipp unter den Spielern verbreitet wird. Wann immer ich Bekannte treffe, gehört es zur Standardfrage, ob es denn was besonders Tolles gäbe. Und fast immer bekomme ich ein etwas ratloses Achselzucken zur Antwort. Das liegt sicher auch daran, dass der spielerische Anspruch enorm gestiegen ist. Was vor zehn Jahren als ultimatives Spieleerlebnis bejubelt wurde, erntet heute nur noch ein “Ja, ist ganz ok”. Aber natürlich gibt es wieder viele neue, gute Spiele. Die Messe hat noch nicht die Tore geschlossen, es gibt noch ein paar Stunden, in denen ich mich durch enge Gänge quetschen und einen Platz am Spieltisch erkämpfen kann. Davon demnächst mehr.

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