Mit Erz und Verstand

Früher hat er Brücken modelliert, heute Spielfiguren: Klaus Teuber in seiner Werkstatt.

Früher hat er Brücken modelliert, heute modelliert er Spielfiguren: Klaus Teuber in seiner Werkstatt.

Klaus Teuber hat sich mit den „Siedlern von Catan“ sein eigenes Universum erschaffen. Ein Hausbesuch in Roßdorf.

Ob er wirklich der Schöpfer der „Siedler von Catan“ ist? Bisweilen zweifelt selbst  Spiele-Erfinder Klaus Teuber daran.  „Manchmal habe ich das Gefühl, die Siedler waren schon immer da – und sie haben mich bloß auserwählt, um sie zu entdecken.“

Mit 18 Millionen verkauften Exemplaren sind die „Siedler“ das erfolgreichste deutsche Gesellschaftsspiel der vergangenen Jahrzehnte. Es gibt „Siedler“-Puzzles, Badetücher, Tassen und sogar einen Roman. Wenn Teuber (60)  auf Spielemessen auftritt, wird er bisweilen umschwärmt wie ein Popstar.  Autogrammstunden inklusive. Der Gefeierte indes wohnt bescheiden in einem unscheinbaren Reihenhäuschen im Norden von Roßdorf. Auf seinen Erfolg deutet nur das Klingelschild hin: Neben Familie Teuber residiert hier auch noch die „Catan GmbH“.

„Mau-Mau“ und „Malefiz“  gegen  Oma  Anna entfachen bei dem jungen Klaus Teuber die Begeisterung fürs Spielen. Später, als Jugendlicher, stellt er mit Wollfäden und Elastolin-Figuren auf dem heimischen Fußboden historische Schlachten nach: „Römer gegen Karthager“ nennt sich das Kriegsspiel. Immer komplexer  und damit verwirrender  werden die selbst entworfenen  Regeln  – bis Teuber letztlich doch zu dem Schluss kommt, dass das Original-Regelwerk am besten ist. „Zu viel Material, zu viele Ideen. Das sind typische Anfängerfehler. Ein erfolgreiches Spiel ist relativ einfach.“

Es ist eine Art Urlaub vom Alltag. Zum Beispiel von der Schule. Statt den Physik-Unterricht zu besuchen, spielt Teuber lieber Skat oder Doppelkopf mit Gleichgesinnten. So schrammt er mit einem Notenschnitt von 2,1 knapp am Numerus Clausus für das erhoffte Medizinstudium vorbei. Anfang der achtziger  Jahre  arbeitet er stattdessen als Zahntechnikermeister im Dentallabor seines Vaters, modelliert Brücken und Kronen. Spaß macht ihm die Arbeit allerdings nicht – viel lieber denkt er übers Spielen nach.

Keine Angst, er will nur spielen: Klaus Teuber.   Alle Fotos: kth

Keine Angst, er will nur spielen: Klaus Teuber. Alle Fotos: kth

Und über ein Buch, auf das er dank einer ECHO-Kritik zum Arnold-Schwarzenegger-Film   „Conan der Barbar“ aufmerksam wird: „Die Schule der Rätselmeister“ von Patricia McKillip. Die Atmosphäre des Romans fasziniert ihn so sehr, dass er sie auf ein Spielbrett überträgt: Mit Knetmasse müssen die Spieler Figuren entwickeln und gleichzeitig die ihrer Gegner erraten. Sechs Jahre lang tüftelt Teuber an seiner Idee und  will das Spiel zunächst aus der eigenen Garage heraus verkaufen, entscheidet sich dann aber nach langem Zureden eines Freundes doch für einen Verlag.

„Barbarossa“ – so der  vom Verlag auserkorene Titel – wird  der erste große Erfolg des gebürtigen Rai-Braitenbachers. 1988 erhält es den Titel „Spiel des Jahres“. Diese bedeutendste Auszeichnung der internationalen Spielewelt garantiert einige hunderttausend verkaufte Exemplare mehr. Klaus Teuber ist der einzige Autor, der den Kritikerpreis im Laufe seiner Karriere gleich vier Mal gewinnen wird. 1990 und 1991 folgen „Adel verpflichtet“ sowie „Drunter & Drüber“, 1995 schließlich „Die Siedler von Catan“.

Siedler-Prototyp aus dem Jahr 1993

Siedler-Prototyp aus dem Jahr 1993

Es ist ein vergleichsweise komplexes Spiel, angelehnt an die Zeit der Wikinger. Drei bis vier Spieler entdecken Catan, eine unbekannte Insel, und gründen Städte und Siedlungen. Doch die besten Plätze sind umkämpft, es lauert ein gieriger Räuber, und für ihre Bauten müssen die Eroberer die nötigen Waren miteinander tauschen: Erz gegen Lehm, Getreide gegen Holz oder Schafe zum Beispiel.  Es ist ein abwechslungsreicher, kommunikativer Schlagabtausch.

Die Karten des Prototyps

Die Karten des Prototyps

Drei Jahre lang tüftelt Klaus Teuber an seinen „Siedlern“, bittet Ehefrau Claudia und seine Kinder Larissa, Benjamin und Guido immer wieder zu Testpartien. Sohn Benjamin hat stets sein Micky-Maus-Heftchen neben sich liegen. Lässt er sich von den Comics ablenken, weiß der Vater:  „Catan“ ist noch nicht fesselnd genug. Ein gutes Spiel, sagt Teuber, entwickle nämlich eine Art Geist, „der alle Blicke bannt und alle Gespräche beendet. Man vergisst den Alltag und begibt sich in eine neue Welt.“

Doch die meisten Spieleverlage lehnen  „Die Siedler von Catan“ ab. Zu aufwendig, hört der Erfinder  immer wieder. Und überhaupt: Wer interessiere sich schon für Wikinger? „Wollen Sie nicht einen kleinen Saurier dazunehmen?“ Enttäuscht zieht Teuber weiter. Erst der Kosmos-Verlag greift schließlich zu.

Die „Siedler von Catan“ gewinnen den deutschen, den polnischen und den niederländischen Spielepreis; sie  werden zum Exportschlager in 22 Länder,  zum Flaggschiff einer  Spielegattung, der „German-Style Games“. Das sind hochwertige Autoren-Spiele mit kurzem Regelwerk und einer begrenzten Spieldauer. Das Genre hat einen ähnlich guten Klang wie das Siegel „Made in Germany“ der Industrie. Auch  „Der Palast von Alhambra“, „Tikal“ oder  „Carcassonne“ gehören zu den „German-Style Games“, deren Zugpferd aber die „Siedler“ bleiben. Sie eröffnen der Branche ganz neue Zielgruppen, vor allem  Frauen und Studenten.

Was ist das Tolle am Spielen? „Es verbindet die Generationen, und es hebt  Grenzen auf“, sagt Klaus Teuber. „Die Regeln sind für alle gleich. Oma, Opa, Eltern, Kinder.“ Und alle lernen, zu verlieren.

Für ihren Erfinder werden die „Siedler“ zur Lebensaufgabe; all seine  späteren Spiele wie „Löwenherz“ oder „Wüstensöhne“  stehen in ihrem Schatten.  1999 verkauft Teuber sein Dentallabor, fortan steht „Spiele-Autor“ in der Steuererklärung. Der Kosmos-Verlag gibt ihm einen Exklusiv-Vertrag, auch als Berater für andere Spiele. 2002 gründet er zusätzlich die Catan GmbH. Die bietet   Online-Spiele  (www.catan.de) oder exklusives Zubehör wie den Siegpunkte-Anzeiger  an. Es gibt tausende Fans, die stets nach dem Neuesten aus Roßdorf lechzen.

Das Cover der japanischen Siedler-Ausgabe

Das Cover der japanischen Siedler-Ausgabe

Jahr für Jahr entstehen hier „Siedler“-Varianten, von den „Sternfahrern“ und den „Seefahrern“ bis zu den „Siedlern von Hessen“. In Schottland gibt es ein  spezielles „Whisky-Siedler“, für einen Süßwaren-Hersteller hat Teuber auch schon eine „Schokoladen-Erweiterung“ ausgeknobelt  – mit Milch, Nüssen und Kakao-Bohnen. Das Catan-Universum dehnt sich immer weiter aus. Im Herbst werden die „Siedler von Mallorca“ hinzukommen, für 2013 ist eine historisches Fischfang-Szenario geplant. „Eigentlich“, sagt Teuber, „sollte es ja um den Walfang gehen.“ Aber der wäre heutzutage  wohl nicht mehr politisch korrekt.

Ob er sich in seiner „Siedler“-Welt nicht manchmal wie Gott fühlt? Klaus Teuber, der  2010 von französischen Spielekritikern in Cannes bereits für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde,  denkt lange über eine Antwort nach und seufzt schließlich. „Das ist auch eine große Verantwortung.“

Benjamin Teuber

Benjamin Teuber

Seine Söhne Benjamin (28) und Guido (38) arbeiten mittlerweile für die Catan GmbH – der jüngere   im Marketing und in der Spiele-Entwicklung, der ältere, der in den USA lebt,  unterstützt   einen nordamerikanischen Hersteller, der die „Siedler“ in Lizenz   selbst  produziert und vertreibt. „Dort boomt der Markt  gerade besonders stark“, sagt der Vater, der  nur ein Problem hat: Er kommt  kaum noch zum Spielen. In seiner Werkstatt feilt und fräst er nur noch sehr selten an neuen Spielfiguren.  Die Verwaltung des Erfolgs nimmt dagegen immer mehr Zeit  in Anspruch, und die meisten Ideen entstehen längst am Computer.

Ist das Spielen nicht auch die Sehnsucht nach einer einfachen Welt mit lösbaren Problemen? Ganz ohne Finanzhaie und Schuldenkrise? Teuber nickt: „Im Spiel darf ich in eine fremde Rolle schlüpfen und  Fehler machen –  im echten Leben  bekomme ich selten eine zweite Chance.“

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Eine Antwort auf Mit Erz und Verstand

  1. Marc sagt:

    Bei “barbarossa” war es ja auch schon schwierig einen Verlag zu finden, wie er damals erzählte. Mit den Schreibtafeln und der Knete war das vielen Verlagen schon zuviel Material. Und dann musste man ja auch noch weg vor Originalsetting, weil das keiner kannte.

    Und das Prototypenspielen hatte immer Spaß gemacht, weil das Material schon da schön war. Zahntechniker können halt auch gute Figuren gießen.

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