Essener Eindrücke

 

Großer Andrang in Essen. Fotos: Lotte Schüler

Großer Andrang in Essen. Fotos: Lotte Schüler

Mit meiner Kollegin Lotte Schüler war ich vergangene Woche auf der großen Essener Spielemesse. Ein paar sehr interessante Neuerscheinungen werde ich demnächst noch genauer beleuchten – aber Lotte hat hier schonmal einen ersten Überblick verfasst.

Vorbei sind vier Tage intensiven Spielens in Essen. Die Stadt wird jedes Jahr im Oktober zum Traumziel all derer, die Brett- und Kartenspiele lieben. Laut Pressemitteilung der Veranstalter liegt dieses Hobby durchaus im Trend und wird nicht von digitalen Welten abgelöst. Die Messe meldet mit 182.000 Besuchern einen neuen Rekord. Viele Verlage berichten von einem zweistelliges Umsatzplus.

Kosmos hatte angekündigt, mit A Game of Thrones – Catan die sechseckigen Landschaften plus Mauer in Westeros zu errichten. Die Spieler müssen ihre eigenen Siedlungen ausbauen und den Besitz vor den Wildlingen schützen. Üppiges Spielmaterial soll den stolzen Preis von 80 Euro rechtfertigen, und vermutlich gab es die Lizenz nicht zum Schnäppchenpreis.

Doch werfen wir mal einen Blick auf Spiele für Familien mit weniger üppigem Budget. Von den bekannten Verlagen hatte Schmidt-Spiele ein nettes Karten-Legespiel im Programm, Chill und Chili – für zwei bis fünf Spieler ab acht Jahren. Dabei müssen die Spieler Gemüse(karten) auslegen – pardon anbauen – und möglichst auch bewässern. Das gibt am Ende Siegpunkte – mit Wasser wird’s krasser, verkündet der Untertitel. Ein Kniff dabei ist, dass sowohl „Geld“ als auch „Wasser“ Vor- oder Rückseite des gleichen Chips ist. Der wird als Rundenzähler benutzt, wandert dadurch in einen großen Topf, aus dem jeder sich bedienen kann. Dann muss man sich entscheiden, ob dieser Chip auf die Geld- oder Wasserseite gedreht wird. Und man kann durch diese Aktion den anderen wortwörtlich das Wasser abgraben oder den Geldhahn zudrehen. Die Spielregel ist leicht zugänglich, trotzdem ist das Spiel nicht völlig trivial.

Ebenfalls mit der Lizenz zum Ärgern der Mitspieler und vom gleichen Verlag kommen die Mistkäfer des gleichnamigen Spiels daher – für zwei bis vier Spieler ab acht Jahren. Es wird gewürfelt, und die Würfel werden auf dem eigenen Tableau ausgelegt. Gerne werden beim Mitspieler Würfel geklaut, um bei einer Wertung möglichst viele Mistkugeln zu sammeln.

Als Kontrastprogramm dieser leicht zugänglichen Spiele, bei denen nach 30 Minuten der Sieger feststeht, gibt es die anspruchsvollen, komplexen Spiele mit meist erheblich längerer Spieldauer – und höherem Preis. Ein Zeichen dafür, wie gut so ein Spiel ankommt, ist das Schild „Ausverkauft“ oder „Sold out“ – wir sind in Essen ja international.

Terra Mystica – (2-5 Spieler ab 12 Jahren) aus dem Feuerland Verlag hat schon seit 2012 eine Fangemeinde. Jetzt geht es im Weltraum weiter mit dem Terraformen (also dem Planetenentwickeln) und Siedeln bei Gaja Project (1-4 Spieler ab 14 Jahren). Ich konnte gleich am ersten Tag wenigstens ein paar Runden spielen. Der Andrang auf die Spieltische war riesig, und am letzten Tag standen die Verlagsvertreter vor leeren Regalen. Der erste Eindruck: klasse, wenn man komplexe Aufbauspiele mag, bei denen das Glück fast keine Rolle spielt. Es gibt 14 Völker mit unterschiedlichen Fähigkeiten, und wie bei Terra Mystica müssen die eigenen Fähigkeiten optimal genutzt und gleichzeitig die Möglichkeiten der Mitspieler beachtet werden. Schon beim Anheben der Schachtet stelle ich fest, das ist ein echtes Schwergewicht.

Noch ein Autor hat eine erfolgreiche Spielidee in einem neuen Spiel weiterentwickelt. Seit 2014 können Spieler in und um Orléans für ihre Siegpunkte bauen, handeln und wohltätige Werke vollbringen. Spielerisch ist es ein Bag-Building-Game, also ein Spiel, bei dem jeder in einem persönlichen Säckchen kleine Plättchen sammelt, zufällig zieht und damit Aktionen auslöst. Jetzt hat Autor Reiner Stockhausen die Spielidee in die Anden transferiert. Bei Altiplano (2-5 Spieler ab 12 Jahren) werden Waren-Plättchen gesammelt, getauscht und damit Siegpunkte erzeugt. Gut gefallen hat mir die Idee, dass komplett alle gesammelten Plättchen, mit denen man seine Aktionen auslöst, verwendet werden. Bei Orléans konnte es passieren, dass sich ein dringend benötigtes Teil mit konstanter Bosheit dem Zugriff entzog. Auch Altiplano war am Ende ausverkauft.

Unter Mischwesen: Chimera Station.

Unter Mischwesen: Chimera Station.

Auf der Spielemesse präsentieren Verlage aus 51 Nationen ihre Neuheuten. Beim Blick über die Landesgrenzen ist mir ein belgischer Verlag aufgefallen. Unsere freundlichen Nachbarn haben nicht nur Bier gebraut, sondern auch Spiele in ihrem Game Brewer genannten Verlag. Chimera Station (zwei bis vier Spieler ab zwölf Jahren) heißt eines der Produkte. Es ist zwar ein klassisches Worker-Placement Spiel, aber diese Arbeiter – kleine Plastik-Figuren mit dem Potenzial zum Wachsen – entwickeln unterschiedliche Fähigkeiten. Das hängt davon ab, welche Ärmchen beziehungsweise Tentakel oder Blätter der jeweilige Besitzer spendiert. Und so kommt es, das der mit den roten Armen andere von ihrem Feld verdrängen darf, der mit den grünen beim Füttern schon mal selbst seinen Burger auspackt und der mit den gelben Tentakeln beim Aufsammeln von Futter und Münzen immer ein Mal mehr zugreift. Ich fand diese Spielidee so witzig, dass die Chimären (Mischwesen) jetzt auch in meinen Spielrunden arbeiten dürfen. Es gehört ja auch zu den Besonderheiten der Messe, dass man Spiele von kleinen Verlagen unkompliziert erhält.

Auch ein Spiel eines französischen Verlages fiel mit auf: Photosynthesis für zwei bis vier Spieler ab acht Jahren; von Blue Orange. Eigentlich ist das ein völlig abstraktes Spiel, das aber durch Thema und Material zu einer stimmungsvollen Spielgeschichte wird. In einem Spielbrett-Wald pflanzen alle ihre dreidimensionalen Bäume und lassen sie wachsen. Wenn sie es geschickt anstellen, bekommen sie durch die wandernde Sonne viel Licht, spielerisch Lichtpunkte. Die wiederum werden für neues Pflanzen, Wachsen oder Siegpunkte benötigt. Hach, wenn ich mir doch nur besser vorstellen könnte, wohin die Sonne bei der nächsten Wertung ihre Strahlen schickt; und wenn nicht der unkooperative Mitspieler mein armes, kleines Bäumchen von seinem Monsterbaum beschatten ließe. Ich vermute, dass die meisten Achtjährigen mit dem Spiel überfordert wären. Denn sobald ein Spieler sich verplant hat und wenig Lichtpunkte erhält, kann er auch nur wenig für seine eigene Baumplantage tun, wird gnadenlos von den anderen beschattet und guckt nur noch zu. Das bedeutet, die Spieler sollten ähnlich gut den Mechanismus durchschauen können.

Laut Veranstalter gab es noch mindestens 1094 weitere Neuheiten. Es würde den Rahmen komplett sprengen, alle zu erwähnen. Aber auf ein Spiel möchte ich hier noch hinweisen, das mit einem neuen Preis, dem innoSPIEL als besonders neuartig geehrt wurde. Mage Maze, ein kooperatives Spiel (fast) ohne Worte für einen bis acht Spieler ab acht Jahren. Hierbei müssen die Spieler in ein Einkaufszentrum „einbrechen“, dort Gegenstände klauen und das Zentrum wieder verlassen. Sie sind jedoch bei ihren Aktionen auf die Mitspieler angewiesen, weil jedem nur eine vorbestimmte Bewegungsrichtung auf dem Spielplan-Labyrinth erlaubt ist. Da muss immer wieder einer eingreifen und die „Einbrecher“ auf ein Feld schicken, von dem aus der nächste weiterarbeiten kann. Jeder muss sich selbst und die Mitspieler gut im Blick haben, um ohne zu reden den richtigen Pöppel zur richtigen Zeit in die richtige Richtung zu bewegen. Und dann läuft auch noch die Sanduhr!

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