Auf der Spielemesse in Essen (4)

PTDC0046Von Lotte Schüler

Von Abschiedsstimmung ist zumindest am Morgen noch nichts zu spüren, die Gänge und die Spieltische sind voll wie an jedem Tag. Allerdings haben einige der Spiele-Erklärer Probleme mit ihrer Stimme.

Wenn ich bekannte Messebesucher treffe, schweift erst mal der Blick neugierig in die Einkaufstüten. Dann die Frage: Was hat dir besonders gefallen, gibt es einen Geheimtipp? Viele suchen den ultimativen Spielekick, ein besonderes Highlight. Und damit bin ich bei der Frage, was ist eigentlich ein gutes Spiel.

So wie manche in der üppigen Sahnetorte den Gipfel kulinarischer Genüsse sehen, ist es für andere das Rumpsteak mit Röstzwiebeln. Das wiederum lässt den Vegetarier. Natürlich gibt es auch objektive Kriterien. Das Essen sollte werder versalzen noch angebrannt sein – und ein Spiel sollte nunmal funktionieren. Und der eine sucht die intellektuelle Herausforderumg beim Spiel, der nächste möchte andere ärgern können, und der dritte liebt Spiele, die Reaktionsgeschwindigkeit verlangen.

Orléans. Foto: Schüler

Orléans. Foto: Schüler

Während der Messe nutzt der Verlag eines Spielemagazins (Fairplay) die Kompetenz vieler Besucher und schickt seine Abonnenten als Spielescouts durch die Messe. Aus vielen Noten lässt sich zumindest ein Trend ablesen, bei welchen Spielen sich ein genauer Blick lohnt. Seit zwei Tagen steht „Orléans” (dlp Games) ganz oben auf der Hitliste. Das war ein guter Grund, gleich heute früh eine Runde zu spielen. Es geht um das Management von Ressourcen, diesmal in Form von Mitgliedern des eigenen Clans, die in verschiedenen Berufen daherkommen und neue Arbeitskräfte anwerben, Güter einsammeln und Gebäude bauen. Das Ganze muss möglichst geschickt kombiniert werden, um am Ende siegreich vom Spieltisch aufzustehen. Ich habe eher zufällig gewonnen, weil mich niemand daran hinderte, massenhaft Waren abzugreifen, die am Ende viele Siegpunkte brachten. Auch das ist ein Merkmal anspruchsvoller Spiele: Man muss sie mindestens zwei, drei Mal spielen, um die Mechanismen zu begreifen.

Zu einem guten Spiel gehört offenbar auch der Reiz, es immer wieder zu versuchen – wie ein gutes Essen.

Als weitere Favouriten der Messebesucher habe ich entdeckt: Murano (Lookout Games – noch nicht gespielt), „Deus” (Heidelberger, siehe meinen Beitrag vom Samstag), „Aqua Sphere” (Hall Games, nicht gespielt) und „Die Staufer” (Hans im Glück Verlag, siehe meinen Beitrag gestern).

Ich persönlich mag Spiele, bei denen ich selbst viele Einflussmöglichkeiten habe und nicht nur würfele und einen Spielstein ziehe. Außerdem mag ich Spiele, die eine Geschichte erzählen. Dazu entdeckte ich „1944 Race for the Rhine” (von einem polnischen Verlag, www.phalanxgames.pl). In diesem Spiel liefern sich drei Generäle der Alliierten einen Wettlauf darum, wer zuerst – auf dem Spielplan – den Rhein erreicht. Versorgung mit Nachschub (Treibstoff, Munition und Nahrung) muss gesichert werden. Und auf dem Weg gibt es, kartengesteuert, erfreuliche und unliebsame Überraschungen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich bin absolut kein Fan von kriegerischen Auseinandersetzungen, weder auf dem Spielbrett und erst recht nicht im echten Leben. Aber mich fasziniert die Umsetzung der Geschichte. Und nur auf dieser Messe gibt es die Möglichkeit, die Spiele so vieler kleiner, bei uns unbekannter Verlage auszuprobieren. Und manchmal sind echte Schätzchen dabei.

Ich mag auch Spiele, bei denen ästhetischer Genuss, planerische Herausforderung und soziales Migteinander eine gelungene Einheit bilden. Dazu gehören „Die Legenden von Andor” (Kosmos Verlag). Bei diesem kooperativem Spiel treten die Spieler gemeinsam an, um Aufgaben zu lösen und gegen fiese Monster zu kämpfen. Es gibt inzwischen einige Erweiterungen mit neuen Aufgaben. Die „Reise in den Norden” wird als Erweiterung gerade auf der Messe vorgestellt.

Zurück zum Anfang und der Frage, was ist eigentlich ein gutes Spiel? Kurz gesagt:

Es mus funktionieren, das Spielmaterial soll das Spiel unterstützen und nicht erschlagen, es muss Spaß machen (das hängt natürlich stark von den eigenen Vorlieben ab) – und es sollte auch nach der zehnten Partie noch reizvoll sein.

Ich vermute, dass „Deus” und die „Staufer” diese Kriterien für mich erfüllen könnten.

Und was die Kritiker der Jury zum Spiel des Jahres dazu sagen, das erfahren wird im Sommer 2015. Dann werden die Titel zum Spiel des Jahres vergeben. Der rote Pöppel ist dem Familienspiel gewidmet, der blaue dem Kinderspiel und der graue dem Kennerspiel. Und was die Schwarmintelligenz der Vielspieler, Fachhändler und Fachjournalisten als besonders gelungenes Spiel identifiziert, das erfahren wir im Oktober 2015, bei der nächsten Spielemesse in Essen vom 8. bis 11. Oktober. Dann wird der neue Deutsche Spielepreis verliehen.

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Eine Antwort auf Auf der Spielemesse in Essen (4)

  1. Oizo sagt:

    Vielen Dank für den Überblick. Ich werde mir Staufer einmal näher anschauen.
    Vielleicht besuche ich nächstes Jahr auch die Messe.

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