Vier Wochen vegan auf Probe – ein Selbstversuch

Pulsmesser

Hand aufs Herz: Wie lebt es sich vegan? Ein Test

Ich wollte es wissen: Vegan leben – das kann doch so schwer nicht sein: Es gibt Unmengen von Ratgebern und Kochbüchern und immer mehr Menschen, die auf alles Tierische, also auf Fleisch, Fisch, Milch, Eier, Honig verzichten. Vegan liegt im Trend.  Selbstversuch einer Allesesserin.

➤Der erste Tag: Die Sojamilch im Kaffee schmeckt aufdringlich nach Vanille. Aufs Brötchen kommen Margarine und Bio-Marmelade. Mehr gibt der Kühlschrank nicht her. Das Türmchen aus Apfelscheiben und Haferflocken-Pekanuss-Creme samt saftiger Kiwisoße, das Vegan-Promi Attila Hildmann zum Frühstück empfiehlt, schaue ich mir im Kochbuch an – ich gehöre zu denen, die zwar sehr gerne Rezepte lesen, kochen selbst aber als Zumutung empfinden. Doch Faulheit wird im veganen Leben mit Monotonie bestraft: In der Kantine muss ich mir deshalb aus dem fertigen Salat aus der Kühltheke erstmal alles Tierische klauben. Übrig bleiben strohig schmeckendes Grünzeug und zwei Kirschtomaten. Dazu gibt es eine Rhabarber-Trauben-Schorle aus dem Bioladen. Die schmeckt zwar ausgesprochen ➤lecker, doch ich lese zu spät im ➤Kleingedruckten, dass die Schorle „Honig aus ökologischer Landwirtschaft“ enthält und damit für strenge Veganer ➤ethisch gar nicht geht. Nach der Arbeit verbringe ich eine gute halbe Stunde im Biomarkt, um den Kühlschrank zuhause aufzufüllen. Alles ganz schön ➤teuer. Abends gibt es veganen Käse mit Gurke und Tomate auf Vollkornbrot. Geschafft!

➤Appetit: Am dritten Tag ist mein Hunger weg. Ständig ans Essen denken zu müssen, macht sowas von satt. ➤Unterwegs durch die Stadt hat sogar der Gedanke an Pizza nichts Verführerisches. Der tägliche Verzicht frustriert: Ich kann ja nicht mal in der Lieblingssuppenküche bestellen, worauf ich Lust habe. Nudeln in Hühnerbrühe sind genauso tabu wie Chili. Auf die Frage, ob die Linsensuppe auch wirklich vegan ist, drehen sich alle Leute in der Schlange um und schauen mich voller Mitleid an. Die Lust aufs Essen vergeht mir selbst im Bio-Markt: Die Fertig-Vegan-Produktpalette ist mehr als beschränkt, wenn man keinen Bock auf fleischlose Hackbällchen und Tofu-Pizzen hat: Darben im Schlaraffenland.

➤Kleingedrucktes: Ohne Lesebrille geht im veganen Alltag gar nix. Gemüsefrikadellen, die Geflügelfleisch enthalten, Roggenbrötchen, die mit Milch oder Ei gemacht oder Chips, die in tierischem Fett ausgebacken wurden. Je mehr Beipackzettel ich lese, desto weniger ➤Appetit habe ich und umso misstrauischer werde ich, was meine ➤Gesundheit angeht. Überall dort, wo Nahrungsmittel industriell gefertigt werden, ist nämlich mit Verunreinigungen zu rechnen, egal, ob es sich um Nudeln, Tomatenmark, Müsli oder Saftschorle handelt. Deshalb können auch als vegan deklarierte Lebensmittel Spuren von Ei, tierischen Fetten oder Milcherzeugnissen enthalten. Mal mehr, mal weniger. Wer das gar nicht ab kann, muss selbst kochen. An rein veganen Zutaten mangelt es glücklicherweise nicht: Das Angebot an den Obst- und Gemüsetheken ist eine Wucht.

 ➤Unterwegs fühle ich mich der nicht-veganen Welt ausgeliefert. In manchen Fußballstadien gibt es nicht mal Pommes, der Pausensnack in Theaterfoyers besteht aus Wienerle mit Kartoffelsalat und Schinken-Käse-Baguettes. In der Kantine habe ich die Wahl zwischen Salat und Obst. Das Frühstück bei Freunden beschränkt sich, wenn ich ohne Vorwarnung auftauche, auf schwarzen Kaffee, O-Saft und Marmeladenbrot. Auf Grillfeten – ich kann Tofu-Würste nicht ausstehen – mäste ich mich mit Gemüsespießen und Salat. Es sei denn, die Party wird von Veganern ausgerichtet: Da stopfe ich mich voll und habe plötzlich wieder ➤Appetit, gibt es doch Köstlichkeiten wie vegane Gulaschsuppen, Linsensalate mit Datteln, Bananen-Muffins und Karotten-Nuss-Kuchen.

   ➤Ethik: Dass das Schlachten eine unschöne Sache ist, weiß ich seit meiner Kindheit: Immer montags war in der Kleinstadt, wo ich herkomme, Schlachttag. Es war erstaunlich, wie viele Schweine, Kälber und Kühe es schafften, ihren Peinigern zu entkommen. Sie rannten laut brüllend und mit irren Blicken durch die Unterstadt, verfolgt von den Schlächtern in ihren Gummikitteln. Ja, ➤lecker Essen geht anders. Mal darüber nachzudenken, bevor man sich das nächste Schnitzel in der Kantine bestellt, kann echt nicht schaden. Wir wissen längst alle, dass die industrielle Tierhaltung nur mit hohem Antibiotika-Einsatz möglich ist, was wiederum Auslöser für viele Krankheiten ist. Welches ➤Fazit man daraus zieht, ist Ansichtssache. Hundertprozentige Veganer verzichten auf Fleisch, Eier, Milch, Honig und Fisch, Reh- und Hirschbraten und auf Lederschuhe, Seidenblusen und Wollpullover. Kosmetikprodukte kommen nur in Frage, wenn sie ohne Tierversuche hergestellt wurden.

 ➤Gesundheit: Der Verzicht auf tierische Fette und eine abwechslungsreiche Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen und Getreide kann Herz-Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck, Übergewicht und Diabetes vorbeugen, heißt es beim Bund für Vegane Lebensweise (BVL). Der Verein empfiehlt allen Veganern einmal im Jahr ihren Vitamin-D- und B12-Spiegel überprüfen zu lassen. Zu den größten Kritikern der veganen Lebensweise zählt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Deren Experten halten prinzipiell eine rein pflanzliche Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit und im gesamten Kindesalter für nicht geeignet. Die Wahrscheinlichkeit eines Nährstoffmangels sei umso größer, je stärker die Auswahl an Lebensmitteln eingeschränkt wird. Es bestehe das Risiko einer defizitären Zufuhr von Energie, Protein, langkettigen Fettsäuren, Eisen, Calcium, Jod, Zink, Riboflavin, Vitamin B12 und Vitamin D. Bei Kindern kann es, so die DGE, zu Störungen der Blutbildung (Vitamin B12-Mangel), Wachstumsverzögerung (Energie-Protein-Malnutrition) und teilweise irreversible neurologische Störungen wie mentale Retardierung (Mangel an Vitamin B12 und Jod) kommen.

 ➤Stolperfallen: Wer vegan lebt, muss höllisch aufpassen, Tierisches lauert überall: In Thai-Restaurants wird Fischsoße übers Kokos-Curry gekippt oder Gemüse in Fleischbrühe gegart. Brezeln und Baguettes werden gern mit Schweinefett eingerieben, damit sie glänzen. Es gibt Essigsorten, die Chitin, also zermahlene Schalen von Krustentieren, enthalten und Orangensprudel, der Fischgelatine enthält. Wein wird auch nicht einfach aus Trauben gemacht, er wird geklärt und gefiltert. Viele Winzer verwenden dazu – wie übrigens auch bei klaren Apfelsäften – Gelatine oder Fischblasen.

➤Lecker essen: Na klar, das geht auch vegan. Wenn ich zu Hause bin und viel Zeit habe, mir Kichererbsen-Buletten mit Zucchini-Dip zu machen oder Gurkenremoulade zum Spargel. Die vegane Leberwurst aus pürierten Kidneybohnen als Brotaufstrich scheckt super, die grüne Soße mit Tofu-Rührei macht süchtig. Von all den Currys, Linsen- und Gemüsesuppen ganz zu schweigen. Die Liste an veganen Rezepten ist lang und lecker. Fündig werde ich nicht nur in Kochbüchern, sondern auch im Internet in Blogs und auf Facebook. Die besten Rezepte kommen von zwei Darmstädterinnen aus dem Martinsviertel: www.leckeresinvegan.de

 ➤Fleischersatz: Tofu-Rührei mit grüner Soße schmeckt lecker. Ansonsten kommt mir Fleisch- und Käseersatz nicht in die Küche. Vegane Lyoner, vegane Grillwürstchen, veganer Reibekäse – bäh! Selbst die Soja-Gemüsespieße in einem veganen Frankfurter Restaurant können mich nicht überzeugen. Vegane Alternativ-Fertigprodukte aus Seitan, Lupinensamen oder Soja kommen auch bei einem Marktcheck der Verbraucherzentrale Hamburg nicht gut weg. In fünf von 20 Lebensmitteln fanden die Tester hohe Anteile an gesättigten Fettsäuren und Salz. Fast alle Produkte enthielten Verdickungsmittel, Farbstoffe und künstliche Aromastoffe. Und oft sind die Angaben auf den Beipackzetteln mangelhaft. Da sind sie wieder, die ➤Stolperfallen.

➤Teuer ist veganes Essen, wenn man Fertigprodukte im Bioladen kauft. Da kostet ein Glas Ravioli (670 Gramm) schon mal 4,39 Euro und ein Scheiblettenkäse „Cheddar Style“ 2,30 Euro pro 100 Gramm. Wer selbst kocht und auch in Supermärkten und Discountern einkauft, fährt billiger. Hilfreich ist der Einkaufsguide von „Peta“: www.peta2.de.

➤Der Streber: Vegane Kochbücher verkaufen den dazu passenden Lebensstil in der Regel gleich mit. „Schlanker, gesünder und messbar jünger“ verspricht Oberveganer Attila Hildmann in seinen Büchern, in denen es nicht nur darum geht, Pfunde zu verlieren, sondern glücklicher und länger zu leben. Er ruft seine Anhänger zu „Challenges“ auf, die 30 oder 60 Tage dauern, und zeigt dazu Vorher-Nachher-Fotos von Menschen, die sich jünger, hübscher und energiegeladener fühlen. Die Rezepte schmecken zugegebenermaßen ➤lecker. Die Trainingspläne habe ich nicht ausprobiert, beim Durchblättern sehnte ich oft den ➤letzten Tag herbei.

➤Retter in der Not: Ohne Bananen, Nüsse und getrocknete Datteln in der Handtasche gehe ich nicht aus dem Haus. Es sind erprobte Erste-Hilfe-Zutaten gegen Unterzuckerung – die mich gleich am zweiten Tag des Selbstversuchs auf dem Heimweg mit dem Rad erwischte. Kein Wunder, den ganzen Tag nur Grünzeug. Die Folge: zittrige Beine, Schweißausbruch, leichter Schwindel. Eine Tafel einer angeblich veganen Marzipanschokolade half mir wieder auf die Beine. Tage später muss ich lesen, dass der Schoko zwar keine Milchbestandteile zugesetzt sind, sie aber Spuren von Laktose enthalten kann (➤Stolperfallen).

➤Der letzte Tag: Gegen Ende der dritten Woche ist die Motivation im Keller. Nein, es ist nicht die Fleischeslust, die mir den veganen Lebensstil madig macht. Mir fehlt das Gelbe vom Ei, Naturjoghurt, der nach Naturjoghurt schmeckt, Milch, die nach Milch schmeckt, und käsiger Käse. Mir fehlt auch ein Stück Leichtigkeit. Ich will raus aus der Vegan-Ecke und essen gehen, ohne die Adresse vorher im „Vegan in Darmstadt”-Guide nachzuschlagen. Ich will zu meinem Lieblingsitaliener, eine Lasagne essen. Verführt hat mich letztlich die Spargelvinaigrette meiner Schwester, die kleingehackte Eier enthielt – und gar zu köstlich war.

 ➤Fazit: Meine Umwelt- und Ökobilanz mag in den drei veganen Wochen Spitzenwerte verzeichnet haben, meine gute Laune war viel zu oft im Keller. Sich am Montag überlegen zu müssen, wie man die nächsten Tage vegan über die Runden kommt, ist nervig, zeitraubend und mit einem Vollzeitjob nur schwer zu vereinbaren. Ich habe auch keine Lust auf die vielen Diskussionen mit Allesessern, die unweigerlich kommen, wenn man sich als Veganer outet. Ich fühle mich auch nicht jünger, schöner, besser und gesünder, wie mancher vegane Ratgeber es verspricht und auch nicht fitter: Unter Zeitdruck habe ich lieber aufs Einkaufen verzichtet und bin zur Sportstunde gegangen. Das war gut für die Figur, führte aber zu gähnender Leere im Kühlschrank und knurrendem Magen, was wiederum schlecht fürs Gemüt war. Was ich aus dem Selbstversuch mitnehme? Eine Menge neue Rezeptideen und eine große Lust auf vegetarische Menüs – mit saisonalen und regionalen Produkten.

Informationen zum veganen Leben gibt es etwa bei der Facebook-Gruppe „So isst Darmstadt“, Rezepte aus dem Martinsviertel gibt es unter www.leckeresinvegan.de. Die Vebu-Regionalgruppe Darmstadt, die auch zu veganen Stammtischen einlädt, ist unter darmstadt.vebu.de/ zu finden.

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