Einmal alt sein

Über das Alter macht man sich in der Regel erst dann Gedanken, wenn man selbst erste Anzeichen bemerkt. Das können Falten sein, die nicht mehr weggehen oder Gelenke, die knirschen. Das Museum für Kommunikation in Frankfurt nähert sich dem Thema  auf eine direkte und sehr persönliche Weise.   Wer die Ausstellung im Frankfurter Museum für Kommunikation besucht, kommt an alten Menschen nicht vorbei: Sie sind  Ausstellungsobjekte – und sie führen als  „Senior-Guides“ die Besucher durch die Räume und teilen ihr Wissen rund um das Thema Altern.  Insgesamt sind 34 solcher Guides im Einsatz – alle sind über 70 Jahre alt.

„Sie gestatten, dass ich mich hinsetze“, sagt Christiane von Kreutz gleich zu Beginn des Rundgangs. „Ich kann nicht mehr so lange stehen – so ist das im Alter eben“.  Die grauhaarige Dame – man sieht  ihr die 70 nicht an –  ist eine von 160 Senioren, die sich für eine Stelle  als Begleiterin beworben haben. Sie  nimmt vor der  ersten Station, einer   Videoanimation, Platz. Auf der  Leinwand ist  ein  dreijähriges Mädchen zu sehen, das im Zeitraffer älter wird. „Ganz lange passiert nichts in diesem Gesicht. Dann geht es plötzlich los“, sagt  Christiane von Kreutz.    Die Falten nehmen zu,  irgendwann ziehen die  Mundwinkel nach unten,  ihr  Gesicht wird schmaler, die Haut  fleckig.

Je jünger die Besucher, desto überraschter sind sie  über den Alterungsprozess, erzählt die Seniorin.  „Das Alter ist in jungen Jahren  noch weit weg, das Leben erscheint unendlich.“ Manche fürchteten sich auch.  Es handele sich dabei um die Angst vor dem Unbekannten. „Deshalb  greifen  auch so viele junge   Frauen zu Faltencremes.“

Da die Schau „Dialog mit der Zeit“ als Erlebnisausstellung konzipiert ist, können die Besucher auf Entdeckungsreise gehen.  Wie kippelig es ist,  mit schweren Beinen eine Treppe hoch zugehen. Wie furchtbar, wenn  die Hand so stark zittert, dass man es nicht schafft, den Haustürschlüssel ins Schloss zu stecken.  Wie nervig und anstrengend,  wenn man versucht, telefonisch Karten für die Oper zu kaufen – und  man nur  Sprachfetzen und Rauschen hört.

Doch es geht   in der Ausstellung  nicht nur um die Defizite des Alters.      Es geht  darum, Stereotypen zu hinterfragen  und Perspektiven aufzuzeigen. Christiane von Kreutz   hätte mit 60 am liebsten die  Zeit angehalten. „Da ging es mir richtig gut.“    Mit ihrem Ruhestand musste sie sich erst anfreunden. Vor fünf Jahren  beschloss sie, ihre  Haare nicht mehr  zu färben. Abends besuchte  sie ein Konzert. „Da habe ich gemerkt, dass ich die Seiten gewechselt habe. Ich  gehörte nicht mehr zu den Jungen.“    Ausstellungsbesucher können austesten, wie es ist, auf die Rentnerbank  geschickt zu werden und fortan zusehen zu müssen, wie das Leben  weitergeht, als wäre nichts geschehen.

„Es ist nie zu spät!“ lautet  passenderweise  das Motto der Videofilme im rosa  Salon, der letzten Station der Ausstellung. Dort  erzählen ältere Menschen, wie sie es schaffen,  fit und aktiv zu bleiben. Eines haben sie gemeinsam: Eine ruhige Kugel schieben wollen sie nicht. Eine ältere Dame hat sich als Touristenführerin selbstständig gemacht, ein Ex-Bankangestellter  liest regelmäßig Schülern etwas vor. „Ich habe endlich etwas gefunden, was meinem Leben Sinn gibt“, sagt er. Sein Appell: „Suchen Sie sich etwas Sinnvolles. Es lohnt sich!

Dieser Beitrag wurde unter Placebos veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>