Pöbeleien in der Notaufnahme – Zahl der Übergriffe nimmt zu

Es sind unschöne Szenen, die sich Tag für Tag nicht nur in der Notaufnahme der Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret abspielen: Eltern, die Pflegekräfte beschimpfen, anschreien, Gewalt androhen und manchmal sogar gewalttätig werden.

Chefarzt Bernhard Lettgen hat zweimal in seinem Berufsleben Situationen erlebt, die ihn erschüttert haben. Einmal ist ein Mann in der Notaufnahme mit einem Messer auf Ärzte und Pfleger losgegangen, ein anderes Mal hatte sich ein Vater mit seinem Kind auf der Station verschanzt. Er nahm eine Ärztin als Geisel und war mit einer Pistole bewaffnet. “Da mussten wir das Sondereinsatzkommando rufen, die konnten die Situation deeskalieren”, erinnert sich Lettgen.

Glücklicherweise handelt es sich bei diesen Schilderungen um Einzelfälle. Doch der Alltag in der Notaufnahme, die Lettgens Mitarbeiter erleben, hat es in sich. “Wartezeit ist ein großer Aggressionsfaktor”, erzählt die Stationsleiterin Michaela Beck. In der Notfallambulanz, in der Kinder und Jugendliche mit akut auftretenden Erkrankungen untersucht und versorgt werden, wird mithilfe eines Triage-Systems ermittelt, wer zuerst drankommt: Notfälle haben Priorität, die anderen müssen erst mal warten.

“Wir erklären natürlich den Eltern, warum ihr Kind nicht sofort drankommt”, sagt Michaela Beck. Auf Verständnis hofften die Mitarbeiter aber oft vergebens. “Bei vielen Eltern ist keine Akzeptanz da”, so die Erfahrung von Pflegedienstleiterin Anette Niemeier. Die Folge: Die Eltern werden laut und aggressiv gegen die Pflegekräfte. “Und das im Beisein der Kinder.”

Aggressiv werden Angehörige aller Schichten, wie Michaela Beck erzählt. Da gibt es die Privatpatienten, die vehement eine Vorzugsbehandlung einfordern, und Menschen mit Migrationshintergrund, die sich von Frauen nichts sagen lassen wollen. In manchen Fällen, wenn etwa ein betrunkener Jugendlicher in der Notaufnahme eingeliefert wird und wild um sich schlägt, holen die Mitarbeiterinnen – zu über 90 Prozent sind es Frauen – die Polizei. “Man braucht sechs Personen, um einen kräftigen jungen Mann zu fixieren, da arbeiten wir eng mit der Polizei zusammen”, erzählt Michaela Beck.

Verbale Angriffe gibt es jeden Tag. Spitzenzeiten sind gegen Abend, wenn die Praxen der niedergelassenen Kinderärzte geschlossen sind. Oft stacheln sich die Eltern im Wartebereich auch gegenseitig an, wenn es ihnen nicht schnell genug geht. Meist sind es lange Diskussionen, die die Pflegekräfte mit den aufgebrachten Angehörigen führen müssen, um sie zu beruhigen. “20 Minuten sind da schnell erreicht”, erklärt Michaela Beck. “Wir würden uns in der Zeit eigentlich lieber um die kranken Kinder kümmern.”

Wenn sich Angehörige überhaupt nicht beruhigen lassen, greift – wenn es nötig ist – auch Lettgen selbst ein. “Die Mitarbeiter können mich in solchen Fällen jederzeit dazurufen”, sagt der Chefarzt. Oft beruhigten sich die Gemüter, kaum dass er den Raum betritt. “Wir haben aber auch schon Hausverbote erteilt.”

Die Kinderkliniken bieten, gemeinsam mit Alice-Hospital und Elisabethenstift, den Mitarbeitern auch ein Deeskalationstraining an. Da wird dann anhand von Fallbeispielen aufgezeigt, wie sie aggressive Situationen im Alltag besser bewältigen können oder wie eine Eskalation bereits im Vorfeld verhindert werden kann. Die Erfahrungen damit sind durchweg positiv, sagt Britta Opel, Leiterin der Fort- und Weiterbildung an den Kinderkliniken .

Die Zahl der Anfeindungen und Übergriffe hat zugenommen, da sind sich Lettgens Mitarbeiterinnen sicher. Erschwerend, so der Chefarzt, komme hinzu, dass der Trend, Notaufnahmen aufzusuchen, selbst wenn es sich nicht um einen Notfall handelt, auch vor Kinderkliniken nicht haltmacht. “Ich hatte letzte Woche Eltern da, die mit ihrem Kind mittags beim Kinderarzt waren und abends in die Notaufnahme kamen, weil sich der Husten immer noch nicht gebessert hatte”, erzählt Assistenzärztin Marie-Sophie Keßner. Sie kann von vielen ähnlichen Vorfällen erzählen, von Kindern, die erkältet sind, Ohrenschmerzen oder leichtes Fieber haben: “Das sind alles ambulante Fälle, für die die Notaufnahme gar nicht zuständig ist”, so Lettgen.

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