Film als Therapie

Margarete "Gretel" Sieveking mit Sohn David und Ehemann Malte Sieveking, Bad Homburg. Foto: Farbfilm

Margarete „Gretel“ Sieveking mit Sohn David und Ehemann Malte in Bad Homburg. Foto: Farbfilm

Die Mutter hat Alzheimer, Sohn David Sieveking beschließt, Beruf und Familie miteinander zu verbinden. Er dreht eine Dokumentation und schreibt ein Buch. Seine demenzkranke Mutter  ist die Hauptdarstellerin in dem Film  “Vergiss mein nicht”, der gerade in den Kinos läuft. Im Interview für den Medizinblog  „Pulsmesser“ erzählt der Darmstädter Regisseur und Blogger-Kollege Sieveking von den Dreharbeiten.

Herr Sieveking, im Zentrum Ihrer Dokumentation steht Ihre alzheimerkranke Mutter. Mit der Kamera kommen Sie ihr sehr nahe. Hat sie denn überhaupt verstanden, dass ein Film über sie gedreht wurde?

David Sieveking: Meine Mutter hat natürlich gemerkt, wenn da ein Mann mit einer Kamera in ihre Nähe stand und ich habe ihr immer wieder erklärt, was wir machen, aber sie vergaß das natürlich sofort wieder und sie konnte auch nicht mehr wirklich begreifen, was es bedeutete: Im Zentrum eines Filmprojektes zu stehen. Sie hatte aber immer große Freude uns bei der Arbeit zuzusehen und war stets voll des Lobes. Sie spornte und auch gerne an und sagte sowas wie: „Das macht ihr gut, macht weiter so!“ Zu mir sagte sie auch einmal, als ich mit der Kamera an ihrem Bett saß: „Du machst das, was Dir Spaß macht, das finde ich auch gut. Das würde ich auch gerne machen.“ Ich habe ihr auch ein paar Mal Filmaufnahmen gezeigt, in denen sie zu sehen war, aber sie hat sich darauf selbst gar nicht erkannt. Sie hat in dieser Zeit auch angefangen mit ihrem Spiegelbild zu reden wie zu einer anderen Person. Sie hatte keine Beziehung mehr zu ihrem Abbild.

Die Dokumentation gibt tiefe Einblicke in das Familienleben, beispielsweise zeichnen Sie die Beziehung Ihrer Eltern ausführlich nach. Hatten Sie dies von Anfang an geplant?

Sieveking: Ich wollte von Anfang an im Film auch biografische Elemente meiner Mutter einbauen. Aber als sich in der Gegenwart, angestoßen durch die Demenz meiner Mutter, zwischen meinen Eltern eine neue Liebesgeschichte anbahnte und die alten Rollen sich radikal änderten, hatte ich immer mehr das Gefühl eigentlich keinen Krankheits-, sondern eher einen Liebesfilm zu drehen. So war es ganz natürlich, dass ich mich stärker für die Beziehung meiner Eltern interessierte. Wie haben die beiden Menschen gelebt, die mich zur Welt gebracht haben und deren Lebensentwurf nun in Frage gestellt wurde? Das Interesse speziell an der Beziehung meiner Eltern bestand sicherlich von Anfang an, aber dass dieses Thema ein Schwerpunkt werden würde ergab sich erst während der Dreharbeiten.

Die Dokumentation macht deutlich, dass eine Demenzerkrankung das Leben des Betroffenen und der Menschen, die ihm nahestehen, verändert – und das über Jahre hinweg. Welche Phase war für Sie die schwerste?

Sieveking: Neben den teils dramatischen letzten Wochen, bevor meine Mutter schließlich im Sterben lag, war die schwerste Phase für mich eine Zeit ungefähr zwei Jahre vor den Dreharbeiten, als meine Mutter entsetzlich traurig und niedergeschlagen war, da sie sich bewusst war, dass etwas mit ihr nicht stimmte und sie zunehmend die Kontrolle über ihr Leben verlor. Sie war ständig am weinen und man konnte praktisch nichts mit ihr anfangen. Sie war hilflos und wir Angehörigen genauso. Diese äußerst schwierigen Phasen beschreibe ich ausführlicher in meinem gleichnamigen Buch, das den Film inhaltlich ergänzt. Als sie dann ab einem bestimmten Punkt ihr altes Selbstbild vergaß, sozusagen ihr „vergessen“ vergessen hatte, wurde die Pflege zwar immer aufwendiger, aber sie war nicht mehr so depressiv und hatte oft richtig gute Laune. Dann hatten eigentlich wir Angehörigen vor allem das Problem.

Auf welche drei Dinge sollte ein demenzkranker Mensch nach Ihren Erfahrungen mit Ihrer Mutter nie verzichten müssen?

Sieveking: Am wichtigsten ist, glaube ich, eine liebe- und respektvolle Betreuung, im fortgeschrittenen Stadium dann auch eine professionelle Krankenpflege. Im Grunde aber würde ich die drei Dinge nennen, die eigentlich für jeden Menschen wichtig sind, dem seine Gesundheit am Herzen liegt: gute Ernährung, viel Bewegung und reichlich Neugier!

Der Film läuft in Darmstadt im Rex. Eine ausführliche Besprechung gibt es hier im ECHO-Archiv. Das Buch ist im Herder-Verlag erschienen und kostet 17,99 Euro.

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