Wegweiser in schweren Zeiten: Online-Portal für Krebspatienten

Die Zahl der Menschen, die im Internet nach Hilfe suchen, steigt. Der Trend geht zu Online-Angeboten für Patienten. Volker Beck, Professor für Sozialmedizin an der Hochschule Darmstadt, ist einer der Initiatoren des Beratungsportals “Psycho-Onkologie Online”.

Eine Frau berichtet von innerer Unruhe und Selbstzweifeln, mit denen sie seit ihrer Krebsdiagnose hadert. Eine Expertin, Leiterin der Psychosozialen Beratungsstelle in Marburg, tippt auf eine mittelschwere Depression. Auf dem Portal www.psycho-onkologie.net werden mehrere solcher Fallbeispiele gezeigt, die Szenen werden von Schauspielern gestellt. Ziel der Video-Tagebücher ist, Krebspatienten und ihre Angehörige über die seelischen Belastungen einer Krebserkrankung zu informieren und ihnen Instrumente an die Hand zu geben, wie sie am besten mit Ängsten, Niedergeschlagenheit, Depressionen oder Erschöpfungszustände umgehen können. Bei Bedarf kann auch über das Portal eine kostenlose Online- und Telefonberatung mit einer Berliner Psychotherapeutin vereinbart werden. Internet-Beratungsportale sind allerdings kein Ersatz für eine Therapie, stellt Beck klar. Das gelte auch für “Psycho-Onkologie Online”.

2008 hat Volker Beck das Portal mit drei Mitstreitern gegründet. Auf ehrenamtlicher Basis. Zum Portal gehört auch ein Expertenrat, dem Psychologen und Psycho-Onkologen angehören. “Unsere Plattform ist ein potenzielles Steuerungs- und Vermittlungssystem”, sagt Beck. Eine Art Wegweiser, der Patienten helfen soll, ein passendes Angebot zu finden. Ziel ist auch, sie aufzuklären und zu informieren.

Eine Krebsdiagnose stürzt viele Menschen in eine Krise. Plötzlich und unerwartet müssen sie sich nicht nur mit der Therapie auseinandersetzen, sondern auch mit Fragen zum Thema Leben und Sterben. Manche belastet die Erkrankung so stark, dass sie über Suizid nachdenken. In den vergangenen 20 Jahren hat sich mit der Psycho-Onkologie eine Fachrichtung etabliert, die sich mit den seelischen Belastungen von Krebskranken beschäftigt. Doch es gibt immer noch Kliniken und Arztpraxen, in denen das Thema noch nicht angekommen ist. Experten gehen davon aus, dass von etwa 30 Prozent der psychisch belasteten Onkologie-Patienten nur vier Prozent gezielte Hilfen erhalten.

“Ich mache da Ärzten gar keinen Vorwurf, das ist auch keine Kritik an ihrer Arbeit”, sagt Volker Beck im Gespräch. Ärzte wollten ihre Patienten möglichst schnell kurieren. Längere Arzt-Patientengespräche sehe das Gesundheitssystem nicht vor. Sie werden von den Krankenkassen auch nicht hinreichend honoriert. Die vielen Patientenzahlen – für das Jahr 2016 rechnen Wissenschaftler mit rund 500 000 neuen Krebserkrankungen – belegen, dass der Bedarf an begleitenden Therapien für die Seele da ist. Zumal immer mehr Krebserkrankungen aufgrund der modernen Behandlungsmöglichkeiten zu chronischen Krankheitszuständen führen – und oft auch noch mit weiteren schweren Erkrankungen gekoppelt sind.

Zu den Vorteilen des Online-Portals zählt, dass das Medium flexibel ist. Es kann auch von Menschen in Anspruch genommen werden, deren Mobilität eingeschränkt ist – etwa, weil sie bettlägerig sind.

Die Hemmschwelle ist bei Internet-Angeboten geringer, es gibt viel weniger Berührungsängste im Vergleich zu einem Praxisbesuch und das Beratungsportal ist anonym – und immer da, wenn die Patienten es brauchen. Nachts zum Beispiel, wenn Ängste den Schlaf rauben. Der Nachteil: “Es ist natürlich eine ganz andere Form der Kommunikation, ohne direkten Kontakt”, so Beck. Angesichts der angespannten Situation in der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung und den langen Wartezeiten auf einen Termin, ist das Angebot aber eine erste Hilfe.

Dieser Beitrag wurde unter Medizin abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>