Verwirrt nach der Operation

Nach Operationen und Narkosen können insbesondere bei älteren Patienten kognitive Störungen auftreten. Ärzte sprechen dann von einem postoperativen Delir.  Charakteristisch für die Verwirrtheitszustände nach einer Operation sind das gleichzeitige Auftreten von Bewusstseins- und Aufmerksamkeitsstörungen, Wahrnehmungsproblemen, Störungen der Psychomotorik, Emotionalität und des Schlaf-Wach-Rhythmus.

Die Häufigkeit für ein postoperatives Delir liegt bei Patienten mit spezifischen Risikofaktoren zwischen 15 und 50 Prozent, erklärt Martin Welte, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Klinikum Darmstadt. Besonders gefährdet seien alte Menschen, Patienten mit Seh- oder Hörstörungen, mit Hirnerkrankungen, Patienten mit Oberschenkelhalsbrüchen, mit Gefäß-, Herz- oder Bauchoperationen sowie schwerstkranke Menschen und Menschen mit schweren Infektionen.

Bei einem Delir reagieren viele Patienten verlangsamt. Sie liegen teilnahmslos im Bett, manche werden aber auch hyperaktiv und erleiden Wahnvorstellungen. Die Ursachen sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Als prädisponierende Faktoren gelten bereits bestehende Erkrankungen wie eine Demenz oder neurovaskuläre Erkrankungen, Entzündungsreaktionen während der Operation , Medikamente, die zur Narkose eingesetzt werden und nicht adäquat therapierte Schmerzen.

Um das Auftreten eines Delirs zu verhindern, wirken bestimmte Medikamente und eine effektive Schmerztherapie präventiv. Wichtig sind aber auch nicht-medikamentöse Strategien, etwa die frühe Mobilisation der Patienten, ausreichende Beleuchtung, um den Schlaf-Wach-Rhythmus einzuhalten und sensorische Hilfen wie Brillen oder Hörgeräte. “Gut sind auch Orientierungshilfen, die man den Patienten an die Hand gibt, wie eine Uhr, einen Kalender oder auch vertraute Fotos”, erläutert Welte. Länger anhaltende subtile Störungen der Hirnleistungen manifestierten sich erst Wochen und Monate nach der Operation . “Postoperative kognitive Defizite können meist nur mittels spezieller neuro-psychologischer Tests diagnostiziert werden”, so der Klinik-Direktor. Ganz unabhängig vom Alter der Patienten können solche Defizite bei bis zu 40 Prozent der Patienten in der ersten Woche nach einer Operation festgestellt werden, “die zumeist vorbeigehen”, so Welte. Bei einigen wenigen Patienten, meist älteren Menschen, könnten diese Defizite allerdings auch drei Monate später noch anhalten.

Zu den Risikofaktoren für diese länger anhaltenden Störungen zählen vorbestehende kognitive Leistungsminderungen, ein akutes postoperatives Delir, große Operationen und ein niedriger Bildungsstand. “Das Narkoseverfahren spielt keine Rolle bei der Entstehung lang andauernder kognitiver Defizite”, so der Mediziner. Halte dieser Zustand länger an, könne der Übergang zu einer Demenz fließend sein. “Klare Daten, die einen kausalen Zusammenhang belegen würde, fehlen allerdings bis heute.”

Sein Fazit: “Die meisten Patienten müssen keine Angst vor irreversiblen geistigen Funktionsminderungen haben.” Notwendige Operationen sollten aus diesem Grund nicht verschoben werden. Bei Risikopatienten sollten prophylaktische Maßnahmen ergriffen werden. Zahlreiche Modellvorhaben, wie etwa am St. Franziskus-Hospital in Münster, zeigen, dass die Rate gesenkt werden kann, wenn während der Verweildauer in der Klinik ein fester Ansprechpartner für Risikopatienten zur Verfügung steht und bereits bei der Aufnahme ein Screening auf kognitive Defizite erfolgt.

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