Sexueller Missbrauch – Wege aus dem Trauma

Okay, das ist jetzt ein sehr langer Beitrag für einen Blog. Aber das was dieser Frau passiert ist, lässt sich nicht in einen knackigen 10-Zeiler packen. Also, bitte etwas Geduld liebe Leserin, lieber Leser: Hier eine Geschichte, die Mut macht. Trotz aller Schrecken.

„Ich fange jetzt erst an zu leben“, sagt Sabine (59), die anonym bleiben möchte. Sie hat Grausames erlebt, war als Kind von ihrem Vater sexuell missbraucht und geschlagen worden. Heute sagt sie: „Man kann sich von Schuldgefühlen und Ängsten befreien.“ Sie hat zu ihrer Stärke gefunden und eine Selbsthilfegruppe in Darmstadt gegründet: Es sind noch Plätze frei.

Vor etwa zehn Jahren, mit 48 Jahren, kam die Erinnerung an den Missbrauch in der Kindheit in ihr hoch. „Ich hatte es verdrängt und weggepackt“, erzählt Sabine. Die Erinnerungsfetzen wurden immer konkreter. Sie brauchte dringend Hilfe. Doch die wenigen Therapeuten, die sich auf Trauma-Verarbeitung spezialisiert haben, sind rar, die Wartezeiten lang. Sie ging in die Psychosomatische Klinik in Eberstadt. „Ich wurde dort zuerst einmal stabilisiert und konnte dann gut selbst meinen Weg finden“, sagt sie. Halt fand sie auch beim Verein Missbrauchsthemen mit seinen Selbsthilfegruppen in Offenbach. „Es gibt Dinge im Leben, die lassen sich am besten verarbeiten, wenn man sich mit Menschen trifft, die das Gleiche erlitten haben.“

Heute kann sie ohne Probleme ihre Geschichte erzählen. Der sexuelle Missbrauch an ihr und ihrer jüngeren Schwester begann im Babyalter und dauerte bis zur Pubertät im Alter von 13 Jahren. „Meine Mutter wusste es“, sagt sie. Den Eltern sei es gelungen, die Schuld auf die Töchter zu schieben. „Sie haben uns das Wort im Mund herum gedreht. Wir wurden selten gelobt, wurden aber niedergemacht und für verrückt erklärt, damit wir uns nicht auflehnen oder es anderen Leuten erzählen.“ Alles, was die Kinder stark machen könnte, wurde von den Eltern unterdrückt. „Ich habe gelernt zu schweigen, aus Angst, er bringt mich um – mein Vater legte mir die Hand an die Kehle und würgte mich. Das bleibt unser Geheimnis, beschwor er mich. Es war wie eine Gehirnwäsche“.

„Sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen an den Seelen der Kinder“, sagt Sabine. Es ging den Eltern darum, den Missbrauch nicht an die Öffentlichkeit kommen zu lassen. „Man nimmt als Kind die Schuld auf sich und buhlt trotzdem um Liebe, die man dann doch nicht erfährt.“ Die Folgen der Traumatisierung reichen bis in das Erwachsenenalter und führen zu Ängsten, Blockaden, Panikattacken und Verzweiflung. „Ich hatte Angst vor Gefühlen, vor Nähe, mein Selbstwertgefühl war am Boden und Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, war schwierig“, zählt Sabine auf. „Ich war eine graue Maus und bin immer vor der Liebe weggerannt“, sagt sie. Sie selbst hat sich für etwas Nähe jahrelang finanziell ausnutzen lassen und sie hat sich mit Alkohol betäubt, um bloß nicht die Wahrheit sehen zu müssen.

„Ich wollte aufhören mit dem Verdrängen.“ Ihr hat geholfen, mit anderen Betroffenen darüber zu sprechen. Anfangs hat sie das Überwindung gekostet. Das Schöne bei Selbsthilfegruppen sei jedoch, dass jeder so viel von sich erzählen kann, wie er möchte. Sabine hat für sich – zusätzlich zur Selbsthilfegruppe – das „Focusing“ entdeckt, eine körperorientierte Methode, zu der unter anderem auch Achtsamkeitsübungen gehören. „Nach einem Focusing hat sich innerlich etwas geklärt und man ist ganz entspannt.“

Nach vielen Jahren, die durch viele Tiefs führten, hat Sabine ihren Weg gefunden. Sie erinnert sich, dass sie sich als Kind sagte: „Wenn ich erst einmal groß bin, werde ich mich an meinem Vater rächen“. Es ist noch nicht lange her, da hat sie, gemeinsam mit einem Geistlichen, ihre Eltern besucht, um sie mit ihren Taten zu konfrontieren. Es war ihr wichtig, das in Anwesenheit eines Zeugen zu tun. Ihr Vater und ihre Mutter haben alles abgestritten, wie so oft in der Vergangenheit. „Das ist normales Täterverhalten“, sagt Sabine. Ein Geständnis hat sie sich zwar gewünscht, aber nicht wirklich erwartet. „Ich habe keine Rachegefühle mehr und bin in Frieden mit ihnen.“ Sabine ist es heute wichtig, ihre eigenen Ängste und Gefühle zu respektieren: „Ich will milde mit mir sein.“

Kontakt per Mail: Sabine-Cruiser@mx.de. Der Verein Missbrauchsthemen e.V. sucht für die Treffen der Selbsthilfegruppe noch Räume in Darmstadt und Offenbach. Auch Spenden sind willkommen (www.missbrauchsthemen.de)

Weiterere Anlaufstellen rund um Darmstadt:

www.wildwasser-darmstadt.de , die Trauma- udn Verhaltenstherapie-Ambulanz in Frankfurt ist in der Varrentrappstraße 40 bis 42, Telefon 069 79823844.

 

 

 

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