Polio – gegen die vergessene Gefahr

André-Hirtz-FotoDie Geschichte zweier Darmstädterinnen, die sich für Vorsorge-Impfungen gegen Polio einsetzen. Die beiden Damen leiden an den Spätfolgen, unterkriegen lassen sie sich nicht.  Mich haben sie mit ihrer Lebensfreude sehr beeindruckt.

Polio ist eine vergessene Gefahr“, sagt Ingeborg Hoke aus Kranichstein. Es ist  der 84 Jahre alten Frau  ein  großes Anliegen, für  Impfungen zu werben: Sie ist als Achtjährige an Kinderlähmung erkrankt und leidet heute noch unter den Spätfolgen.

Es war 1938, Ingeborg Hoke  war damals acht Jahre alt, als sie eine schwere Grippe bekam. Sie blieb im Bett, die   Mutter kümmerte sich um sie. „Ich hatte nachts wahnsinnige Schmerzen“, erinnert sie sich. Ein paar Tage später fiel ihrer  Mutter  auf, dass sie komisch lief. Der Hausarzt untersuchte sie  und überwies sie sofort  ins Elisabethenstift. Ihr linkes Bein war gelähmt, sie bekam eine Schiene und Massagen.  Ihre  Muskeln und Sehnen waren verkürzt, ihr Fuß zeigte nach innen, sie wurde mehrmals operiert. Diagnose: Kinderlähmung (Poliomyelitis, kurz: Polio), eine Infektionskrankheit, die die  Nervenzellen des Rückenmarks befällt und zu  Lähmungserscheinungen bis hin zum Tod führen kann. Auch  Erwachsene können sich infizieren. Die Übertragung geschieht fäkał-oral: Infizierte scheiden die Erreger mit dem Stuhl aus, gelangen sie ins Wasser oder an Nahrungsmittel, können sich weitere Menschen anstecken.

Die letzte große Erkrankungswelle war  in Deutschland um das Jahr 1960. Damals gab es mehr als 900 registrierte Fälle.  In den  Jahren darauf  wurde systematisch zu Impfungen aufgerufen.    Die Schluckimpfung enthielt lebende Viren, seit 1998 empfiehlt die  ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts in Berlin   Impfungen mit abgetöteten Viren. Nach Angaben des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte  verfügten im Jahr  2012  gut 94 Prozent aller Kinder bei der Schuleingangsuntersuchung über einen ausreichenden Impfschutz. Die Impfquote bei Erwachsen liegt hingegen deutlich niedriger, heißt es  beim Verband.

Die Impfkommission empfiehlt eine Grundimmunisierung im Kindesalter und eine Auffrischung für Erwachsene, die ein erhöhtes Ansteckungsrisiko haben. Es gibt aber auch Impfgegner, die etwa mangelnde Wirksamkeitsnachweise für den Impfstoff  monieren und schwere Nebenwirkungen fürchten.

Ein Ankerpunkt im Leben von Ingeborg Hoke, die heute 84 ist,  war und ist die Selbsthilfegruppe. Dort traf sie auch Traudel Schiewek, die 1943,  während des Krieges als Neunzehnjährige   erkrankte.   „Es waren die klassischen Symptome: Ich hatte eine Erkältung mit Fieber, danach war ich am ganzen Körper  gelähmt, zum Glück war die Lunge nicht betroffen“, erzählt die Neunzigjährige.  Sie wurde  ins Stadtkrankenhaus eingeliefert und nach einem  Bombenangriff nach Goddelau verlegt. Sie hatte Glück: Sie konnte bald, bis auf den rechten Arm und den linken Oberarm, wieder alle Glieder bewegen. 2007 bekam sie  einen Rückfall –  und kann seitdem keinen Schritt mehr ohne ihren Rollator tun.
Etwa  die Hälfte der Infizierten erkrankt am sogenannten  Post-Polio-Syndrom,  zu dessen Symp-tomen  Kraftverlust, Schmerzen und Müdigkeit zählen. Auch Ingeborg Hoke leidet darunter.  Da ihre  Beine und die linke Hand gelähmt  sind,   ist sie auf den Rollstuhl  und die Hilfe ihres Ehemannes angewiesen.

„Die Welt ist nicht poliofrei, und  es gibt immer noch  Impflücken“, sagt Ingeborg Hoke. Sie will deshalb gegen die Impfmüdigkeit mobil machen.  „Es ist mir ein Anliegen, meine Geschichte zu erzählen und Eltern aufzurütteln.“ Als Kind fühlte sie sich nach der Diagnose allein gelassen. „Eine psychische Versorgung gab es damals nicht.“ Sie ließ sich  nicht unterkriegen, wurde  Mitglied des  Versehrtensportverein VSG Darmstadt,  nahm an Schwimm-Wettbewerben teil,  machte Leichtathletik, spielte Tischtennis, ging zu den Lilienspielen. 18 goldene Sportabzeichen hat sie zuhause:  „Wir Polios sind unwahrscheinlich zäh.

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