“Gehen wie auf Watte”

Das ist echt der Hammer. Die Frage nach Therapiemöglichkeiten zum Thema Polyneuropathie beschäftigt sehr, sehr viele ECHO-Leser. Der nachfolgende Artikel, der vor kurzem im Blatt war, hat zig-Anrufe in der Redaktion nach sich gerufen. Die meisten  leiden bereits seit einigen Jahren darunter – und sind verzweifelt auf der Suche nach einem Facharzt, der ihnen hilft. Manche können gar nicht mehr richtig gehen, so schlimm ist es. Ich habe dazu mit Rainer Kollmar, Direktor der Klinik für Neurologie und Neurogeratrie am Klinikum Darmstadt gesprochen.

Unter einer Polyneuropathie versteht man die Erkrankung mehrerer Nerven, die außerhalb von Gehirn und Rückenmark liegen.   „Die Polyneuropathie  hat  ihre  Ursachen  nicht in einem Trauma oder einem Engpass-Syndrom wie beim  Karpaltunnelsyndrom“, erklärt  Mediziner Rainer Kollmar. Vielmehr handele es sich um eine Krankheit, bei der die Reizweiterleitung gestört ist, weil die  Nerven geschädigt oder zerstört sind.
In aller Regel beginnt eine Polyneuropathie  langsam. Sie  geht einher mit Missempfindungen wie Kribbeln und Brennschmerzen, die oft „Socken-  oder Handschuhförmig verteilt sind“, beschreibt der Neurologe die ersten Symptome.  Je nach Verlauf und Ursache kommen  Lähmungen dazu, die oft die Fußheber- oder die Handmuskeln betreffen.

Eine ECHO-Leserin aus Michelstadt  erzählt, dass ihr das Gehen  immer schwerer fällt, da sie kein Gefühl mehr in den Beinen hat. Ein anderer Anrufer aus Gernsheim teilt mit, dass er nun schon seit drei bis vier Jahren mit dem tauben Gefühl in seinen Beinen kämpft. Kein  Neurologe und kein Heilpraktiker habe ihm bislang helfen können. „Es ist ein Gehen  wie auf Watte.“ Beide Anrufer leiden nicht unter Diabetes und Alkoholismus – beides  häufige Ursachen für eine Polyneuropathie.

Insgesamt sind mehr als 200 verschiedene Ursachen einer Polyneuropathie bekannt, heißt es beim Berufsverband Deutscher Internisten in Wiesbaden. „Treten die Beschwerden plötzlich und asymmetrisch auf, können sie auch mit  einer Borreliose in Zusammenhang stehen, mit  Autoimmunreaktionen und bösartigen Erkrankungen wie Tumoren“, erläutert Kollmar.  Auch  Medikamente wie Antibiotika und Chemotherapeutika könnten  zu einer Erkrankung des peripheren Nervensystems  führen.  Bei einem schleichenden Beginn kämen  Ernährungsdefizite wie eine  zu geringe Vitamin-B-Zufuhr, Autoimmunerkrankungen wie Entzündungen der kleinen Gefäße, aber auch Durchblutungsstörungen in Frage.  Auf jeden Fall sollte ein in der Diagnose und Behandlung erfahrener Arzt aufgesucht werden, der systematisch nach der Ursache sucht, empfiehlt der Mediziner. Hierzu stünden – neben einer körperlichen Untersuchung – Laborparameter sowie elektrische Untersuchungen zur Verfügung, mit denen man das Schädigungs- und Verteilungsmuster der Nerven untersuchen könne. Die Behandlung einer Polyneuropathie  sollte sich  – wenn möglich – nach der jeweiligen Ursache richten.

Wenn es gelingt, die Risikofaktoren auszuschalten und die Grunderkrankung zu behandeln,  können  sich die Symptome auch sehr gut zurückbilden, so Kollmar.  Doch nicht jede  Polyneuropathie sei behandelbar – und das trotz  intensiver Suche nach den Ursachen, so der Neurologe. Hilfreich sei in allen Fällen  eine  krankengymnastische Behandlung sowie –  je nach Beschwerdebild – eine schmerztherapeutische und  antidepressive Therapie.

Auch der Einsatz von orthopädischen Hilfsmitteln  kann die Situation der Patienten  verbessern. „Allerdings muss immer eine gründliche Anamnese vorausgehen“, sagt dazu etwa die Orthopädie-Meisterin Margret Wilmhoff vom Sanitätshaus Klein in  Darmstadt.  Zu möglichen Hilfsmitteln zählt sie beispielsweise eine  individuelle Fußbettung, um die  Wahrnehmung, die Stabilität und das Gleichgewicht zu fördern und zu unterstützten. Oder Fußheber-Orthesen, die die Muskeln unterstützen. Unter Umständen kann  auch das Knie stabilisiert werden.  Überversorgungen sollten  jedoch vermieden werden, so  Margret Wilmhoff:  „Der Betroffene  benötigt eine gute Beratung, damit er seine Therapiemaßnahmen versteht und auch gut mitarbeiten kann.”

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