Fatigue – die große Müdigkeit

Karin Höhle  hat die Leukämie besiegt. Das ist Jahre her, mit den Folgen hat sie heute noch zu kämpfen: Sie leidet an dem Erschöpfungs-Syndrom (Fatigue). Ein Erfahrungsbericht, der nachdenklich stimmt.

Vormittags erledigt Karin Höhle aus Mühltal  die wichtigsten Dinge im Haushalt,  mittags kippt die Stimmung. „Die Energie geht weg“, erzählt sie.  Sie ist erschöpft, muss sich ausruhen.  „Ich brauche unheimlich viel Schlaf“, erzählt sie  dem ECHO. Das Problem: Sie findet trotzdem keine Erholung. Zweieinhalb Jahre geht das nun schon so. „Mein  Leben ist eine einzige Anstrengung.“ Sie hat sich informiert und weiß, dass Sport gegen das Erschöpfungs-Syndrom helfen soll.  Sie versucht, regelmäßig ins Fitnessstudio zu gehen,  macht einmal die Woche Reha-Sport und auch  walken tut ihr gut. Viel besser geht es ihr damit nicht. Sie fühlt sich mit ihren Problemen alleingelassen.

Menschen, die am Fatigue-Syndrom leiden, sind ständig erschöpft. Ihre Erkrankung lässt sich nicht auf eine Ursache reduzieren.  Nach Angaben der Deutschen Fatigue-Gesellschaft in Köln  leiden etwa 80 Prozent aller  Krebspatienten daran.

Karin Höhle stand mit Anfang 30 mitten im Leben, als sie   an einer akuten lymphatischen Leukämie erkrankte. „Ich war im Tennisverein, fuhr gerne Ski, war aktiv, hatte Spaß“, beschreibt sie die Zeit davor. Als der Krebs diagnostiziert wurde, begann sie um ihr Leben zu kämpfen.  Die Ärzte an der Uni Heidelberg teilten ihr mit,  dass ihre Überlebenschancen gering sind. Sie unterzog sich einer Chemo- und Strahlentherapie, die Krankheit  kam wieder, eine   Stammzell-Transplantation  rettete  ihr Leben.   Danach ging es ihr einige Jahre gut, sie ging auch wieder arbeiten – bis die Müdigkeit kam und die Erschöpfungszustände sich häuften.

Fatigue beschäftigt Onkologen und Sportwissenschaftler. Das Thema   ist  Gegenstand vieler Untersuchungen. Im September hat das Deutsche Krebsforschungszentrum Heidelberg Ergebnisse einer  Studie mit 160 Teilnehmerinnen veröffentlicht, in der sich zeigte, dass ein zwölfwöchiges Krafttraining während der Strahlentherapie die Fatigue-Symptome von Brustkrebs-Patientinnen lindern kann. Die Daten sind  so überzeugend, dass Studienleiterin Karen Steindorf  von der Abteilung Präventive Onkologie in Heidelberg  empfiehlt, Krafttraining therapiebegleitend  in die Routineversorgung von Brustkrebspatientinnen aufzunehmen.  „Meine Erwartung ist, dass sich die Ergebnisse teilweise auch auf andere Krebserkrankungen übertragen lassen“, sagt  die Ärztin auf Nachfrage des ECHO. Auch für  Leukämie-Patienten  gebe es  Studien, die belegten, dass Sport während der Chemotherapie positive Effekte hat.

Karin Höhle ist heute in psychotherapeutischer Behandlung.  Nach Angaben der  Deutschen Fatigue-Gesellschaft sind  bei einer chronischen Fatigue die „Ursachen oft  in  der Krankheitsverarbeitung zu suchen“. Ein zu hohes Pflichtbewusstsein könne beispielsweise zu  Überforderungssituationen führen.  Es sei zudem  schwer, zwischen Depression und einer chronischen Fatigue zu differenzieren.   Zu den Therapiemöglichkeiten zählten Psycho- und Bewegungstherapie und eventuell  eine medikamentöse Behandlung. Zuvor müssten  allerdings  Grunderkrankungen ausgeschlossen oder angemessen behandelt werden.

Karin Höhle musste    viele  Rückschläge einstecken.  „Ich habe überlebt, bin aber nicht gesund“, lautet  ihr Fazit. Sie ist nun auf der Suche nach Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder machen, um sich austauschen – und vielleicht auch gegenseitig helfen zu können. Leukämie-Patienten, die an  Fatigue leiden und Interesse an einer Gesprächsgruppe haben, können sich unter  01722490220 bei Karin Höhle melden.

Dieser Beitrag wurde unter Medizin abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>