Erste Hilfe bei der Diagnose Krebs

Die Diagnose Krebs ist für die Betroffenen in der Regel ein gewaltiger Schock. Eine Krebserkrankung hat nicht nur körperliche, sondern auch seelische Folgen.  In der Frauenklinik des Klinikum Darmstadt stehen seit November zwei eigens dafür ausgebildete Lotsinnen den Patientinnen zur Seite.

Erst kürzlich musste Songül Sefkatli eine Patientin trösten, der eine Brust amputiert wurde. Sie hielt ihre Hand, hörte zu und war einfach für sie da, bis es ihr wieder etwas besser ging. Sich Zeit nehmen – das ist etwas ganz besonderes im hektischen Klinikalltag, dessen ist sie sich bewusst. Sie arbeitet seit 22 Jahren in der Pflege am Klinikum, ihre Kollegin Brigitte Maurer seit 29 Jahren. Vor etwa einem Jahr haben sie sich zu Pflegeexpertinnen für Brustkrebs – sogenannte Breast Care Nurses – weitergebildet. Das Klinikum hat ihre Weiterbildung bezahlt und die beiden Mitarbeiterinnen dafür freigestellt. Dienstags und donnerstags stehen sie nun nicht nur für Frauen mit Brustkrebs, sondern für alle gynäkologisch-onkologischen Patientinnen zur Verfügung. Erste Anlaufstelle für Betroffene ist ihr Büro im vierten Stock der Frauenklinik, Zimmer 621.

“Viele Frauen haben zuvor viel durchgemacht und ein schweres Schicksal durchlebt”, sagt Sefkatli Songül. Etwa die Patientin, die aus Syrien stammt und die in Deutschland niemanden hat, mit dem sie über die Diagnose Brustkrebs reden kann. Oder die Patientin, die nicht wusste, wie sie ihren Kindern am besten beibringt, dass sie Krebs hat.

“Der Gesprächsbedarf ist prinzipiell hoch, viele Fragen gibt es aber oft auch vor einer Chemotherapie oder einer Bestrahlung”, sagt Brigitte Maurer. Die beiden Pflegekräfte klären die Frauen dann ebenfalls auf: Sie beraten und informieren über Nebenwirkungen, über die richtige Ernährung und über die Fatigue nach der Chemo.

Fatigue, das Erschöpfungssyndrom, steht für eine quälende Form von Müdigkeit, die während und nach einer Tumorerkrankung auftreten kann. “Das wird oft mit Depressionen verwechselt”, erklärt Sefkatli Songül. Viele Frauen wüssten oft überhaupt nicht, dass es sich dabei um eine Nebenwirkung der Krebstherapie handelt – und dass Bewegung an der frischen Luft ein gutes Mittel sein kann, um die Müdigkeit einigermaßen in den Griff zu kriegen.

“Wir sind jederzeit da, bei allen Sorgen, Fragen und Nöten”, so Brigitte Maurer. “Wir hören zu und begleiten die Frauen den ganzen Weg. Wenn alles ideal läuft, sind wir bereits beim Erstdiagnosen-Gespräch dabei.” Bei Bedarf vermitteln die beiden Lotsinnen aber auch den Kontakt zu den Psychoonkologen des Klinikums oder zu Selbsthilfegruppen. Und sie kümmern sich um die Angehörigen. “Sie können sich bei uns Tipps holen und sie können sich mit ihren Sorgen und Ängsten an uns wenden”, sagt Brigitte Maurer. Das Angebot ist niedrigschwellig – und wird gut angenommen, wie erste Auswertungen zeigen. Viele Patienten scheuten davor zurück, mit Ärzten über ihr Befinden zu reden. “Mit uns fällt es ihnen in der Regel leichter”, sagt Brigitte Maurer.

Die tägliche Konfrontation mit den Nöten der Patientinnen führt allerdings auch die beiden Mitarbeiterinnen manchmal an ihre Grenzen. “Das belastet schon – und das nimmt man dann auch mal mit nach Hause”, sagt Sefkatli Songül. Letztlich überwiegten aber die positiven Erlebnisse. “Es ist schön zu sehen, wenn die Patientinnen nach einem Gespräch mit uns zur Ruhe kommen.”

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