Gesundheitskiller Internet

Okay, okay, die Überschrift ist eigentlich fast schon “Bild”-Zeitungsmäßig. Aber mal ehrlich: Stundenlanges Daddeln am PC macht müde und oft auch aggressiv. Nach der Langzeitstudie des Robert-Koch-Instituts in Berlin ist, wer stundenlang im Internet surft oder spielt,  häufiger übergewichtig und körperlich  inaktiver. Ganz zu schweigen davon, dass bereits Zehnjährige schier verzweifeln, wenn sie mal zwei Tage ohne ihr Smartphone auskommen müssen.

Welche gesundheitlichen Aspekte die Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen hat, darüber hält Robert Schlack, wissenschaftlicher Mitarbeiter des RKI in Berlin, bundesweit Vorträge – vor einigen Wochen war er auf Einladung des Familienzentrums in Darmstadt.  „Medienkonsum ist nicht an sich schlecht, es kommt auf die Dauer an“, sagt der Wissenschaftler.    Wie lange Kinder letztlich  am PC spielen dürfen, dafür gibt es allerdings keine  allgemeingültige Formel. Manche Medienpädagogen halten   30 Minuten für Kinder zwischen vier bis sechs Jahren am Tag  für vertretbar, manche Kinderärzte finden sogar  60 Minuten noch okay. Letztlich müssen die Eltern entscheiden, wieviel Medienkonsum sie ihren Kindern erlauben.

Die Studienlage zu den Folgen von zu viel Fernsehen oder Internet ist   sehr übersichtlich. Dies liegt unter anderem daran, dass das Phänomen   relativ neu ist.   Das   World Wide Web  gibt es erst seit 1989, 2003 entstanden die ersten sozialen Netzwerke wie Myspace, 2007 startete Facebook.  „Es gibt noch einigen Forschungsbedarf, was  neue Medien angeht“, sagt Schlack.   Schlaflabor-Studien zeigten, dass ein exzessiver PC-Konsum zu einem Schlafdefizit  und zu schlechteren Leistungen bei Gedächtnistests führt.       Kinder, die zu viel  vor dem  Bildschirm sitzen, hätten auch weniger  Zeit zum Lernen und für Hausaufgaben, oft kämen  Konzentrationsprobleme hinzu und schlechte Noten.   Wer viel  vor der Glotze sitzt, greift zudem häufiger  zu  kalorienreichen Snacks und Getränken.   Mit dem Übergewicht  steigt   auch das Risiko für Diabetes, Herz- und Gefäßkrankheiten.

Ob  Internet   süchtig machen kann, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Nach einer Studie der Ruhr-Universität Bochum sind etwa 500 000 Deutsche im Alter zwischen 14 und 64 Jahren abhängig   vom Internet, am weitesten verbreitet ist die Onlinespielsucht.  Vor kurzem haben chinesische Forscher mit Hilfe eines  Positronen-Emissions-Tomographen bei Menschen, die im Schnitt seit 3,4 Jahren das Online-Rollenspiel „World of Warcraft“ gespielt haben,  Veränderungen im Gehirn  festgestellt, die auch bei Drogenabhängigen beobachtet werden.    Unbestritten ist, dass  gewalthaltige Computerspiele das aggressive Verhalten verstärken können. Gesundheitliche Risiken gibt es auch in Verbindung mit der Nutzung sozialer Medien wie Facebook: Das Überangebot an Informationen kann zu Störungen der Konzentrationsfähigkeit führen, zu depressiven Symptomen  und zu einem suchtartigen Konsumieren.

Was tun?  „Eltern sind als Vorbilder gefragt“, sagt  Schlack. Kinder seien in der Regel mit einem  Alternativprogramm  leicht ablenkbar:  vorlesen, gemeinsam singen, basteln, spielen oder malen. Auf gar keinen Fall sollte ein  Fernsehgerät oder PC  im  Kinderzimmer   stehen. „Das ist immer ein zusätzlicher Risikofaktor.“    Er findet,  dass Eltern immer  gemeinsam mit ihren Kindern Fernsehgucken oder ins Internet  gehen sollten. „Kinder treten über die Eltern in Interaktion mit der Welt.“   Schlack rät Müttern und Vätern  zudem, sich  vorzunehmen, jeden Tag mindestens 15 Minuten mit ihrem Kind zu sprechen.  In aller Ruhe und ganz konzentriert. Das klinge selbstverständlich,  sei  aber in der Praxis gar nicht so leicht in den Alltag einzubinden, gibt  Schlack zu und wiegt bedenklich den Kopf.  Auch ein Medienexperte tut sich  eben manchmal schwer, Beruf und Kind unter einen Hut zu bekommen.

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