Casting-Shows: Sprungbrett oder Krise?

Zickenkriege, Mobbing, Konkurrenzkämpfe: Castingshows haben hohe Einschaltquoten und einen schlechten Ruf. Die Landesanstalt für Medien in NRW hat  untersucht, welche Folgen  die Shows auf die Kandidaten haben.  Sind Castingshows ein Sprungbrett oder führen sie in eine Krise? Dazu wurden 59 ehemalige Teilnehmer  im Alter zwischen 16 und 41 Jahren befragt.  Etwas über die Hälfte  der Befragten waren Kandidaten bei den Formaten  „Popstars“  und „DSDS“.  Knapp 40 Prozent  hatten vorher Gesangsunterricht, etwa jeder Fünfte ging ohne Vorerfahrung  ins Casting.

Die Hälfte der Befragten sah die Teilnahme positiv, viele hatten gemischte Gefühle, einige berichteten über negative Erfahrungen. Profis, die bereits Medienerfahrung hatten,  nutzten die Show als Karriere-Sprungbrett.  Auch viele jüngere Teilnehmer fanden, dass sie in den Shows Erfahrung gesammelt und  Einblicke ins Musikgeschäft gewonnen haben.

Probleme hatten vor allem Teilnehmer, die erst positive Kritiken bekamen, dann aber in der Publikumsgunst abstürzten. Diese  „abgewerteten Hoffnungsträger“  empfanden  die mediale Inszenierung  als verletzend. „Sie fühlen sich falsch dargestellt, in ihrer Offenheit und/oder Naivität ausgenutzt und vom System Castingshow betrogen“, so Studienleiterin Maya Götz. Sie zitiert die „DSDS“-Teilnehmerin Annemarie Eilfeld:  „Ich war 18 Jahre alt und kannte diese Art einer TV-Produktion nicht. Ich vertraute immer allen und im Nachhinein war das naiv und hat mir und meiner Familie sehr viel Schmerz bereitet.“

Negative Auswirkungen haben die Shows oft auch auf die Gruppe der Freaks, also auf Teilnehmer, die sich selbst stilisieren oder in den Sendungen als vollkommen ungeeignet dargestellt werden. Viele seien naiv und vertrauensvoll in die Show gegangen, dann aber degradiert und zur Schau gestellt worden. „Sie gehen aus der Castingshow mit einem beschädigten Selbst heraus“, heißt es in dem Bericht. Einige seien durch die Shows  in eine dauerhafte psychische Krise gestürzt worden. Zitat einer „DSDS“-Kandidatin: „Ich war damals erst 16 Jahre alt, bekam später Depressionen und bekomme bis heute mein Leben nicht in den Griff.“

Die Forderungen der Wissenschaftler: TV-Verantwortliche sollten darauf verzichten, Casting-Show-Teilnehmer als Freaks vorzuführen. Die zum Teil minderjährigen Kandidaten sollten vielmehr vor sich selbst geschützt werden. Eine  professionelle psychologische Betreuung der Kandidaten während der Show, wie es etwa bei  „The Voice of Germany“ der Fall ist, sei ein Schritt in die richtige Richtung. Zudem sollten den Kandidaten Medienberater zur Seite gestellt werden, damit sie an der eigenen Inszenierung mitwirken könnten.

Weitere Infos zur Studie gibt es hier. Und hier geht`s zu einem Bericht im ECHO des Kollegen Christopher Frank. Er war dabei, als Natascha Beil,  ehemalige Kandidatin der Castingshow  „Germany Next Topmodel“ an der Hochschule Darmstadt aus dem Nähkästchen plauderte.

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