Weniger Pillen, mehr Lebensfreude?

Volkmar Aderhold von der Universität Greifswald hat in Deutschland eine Debatte über Wirkung und Nutzen von Psychopharmaka angeregt. Am Mittwoch (18.) kommt er nach Darmstadt, um über die Risiken und Nebenwirkungen zu sprechen.

Neuroleptika sind Medikamente, die beruhigend auf
Nerven und Seele wirken. Sie werden bei Patienten mit Psychosen eingesetzt – dabei handelt es sich um psychische
Störungen, bei denen die
Menschen den Bezug zur Realität verlieren. Der Medikamenteneinsatz ist umstritten. Nach Angaben von Volkmar Aderhold, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Greifswald, werden den Patienten oft viel zu hohe
Dosen verschrieben. Auf dem Fachtag „Mythos und Ernüchterung, neue Wege in der Psychiatrie” am Mittwoch (18.) spricht der Psychiater über Wirkungsweisen, Einsatzmöglichkeiten und Risiken von Neuroleptika.

Ziel ist mehr Lebensqualität

„Es gibt ein großes Unbehagen bei Patienten, Angehörigen und Mitarbeitern, was Neuroleptika angeht”, sagt Norbert Schüssele, Dienststellenleiter des Gemeindepsychiatrischen Zentrums der Caritas in Darmstadt. „Wir brauchen Neuroleptika, aber in der richtigen Dosierung.” Seine Beobachtung: Die Patienten bekämen oft eine hohe Dosierung verschrieben und wirkten dann, „wie abgeschossen”: apathisch, freudlos, abgestumpft. Ziel müsse sein, die Lebensqualität der Kranken zu verbessern. Mit einer Fünf-Minuten-Medizin, wie sie in vielen Sprechzimmern bei Ärzten vorherrsche, sei dies allerdings nicht zu machen. Patienten, die weniger Neuroleptika einnehmen, brauchten mehr Zeit und Zuwendung. Gemeinsam mit Bastian Ripper vom Caritasverband hat Schüssele die Fachtagung im Justus Liebig-Haus in Darmstadt organisiert, die sich an Psychiatrie-Mitarbeiter, Betroffene, Angehörige und Interessierte wendet.

Volkmar Aderhold ist der Meinung, dass die erforderliche Blockade der Rezeptoren bei den Patienten bereits mit erstaunlich niedrigen Dosierungen möglich ist. „Es ist erstaunlich, wie wenig im klinischen Alltag das Einhalten dieser individuellen Schwellendosis praktiziert wird”, so der Psychiater in einem Aufsatz in Psychiatrie-Verlag.de. Die Akutbehandlung mit hohen Dosierungen zu beginnen, sei aus neurobiolgischer Sicht falsch.

Aderhold fordert deshalb neue Behandlungsmodelle, in denen Neuroleptika die psychosoziale Behandlung nur dann ergänzen, wenn sie alleine nicht ausreicht.

„Wir wollen eine Debatte in der Fachszene”, sagt Bastian Ripper. „Die Reduzierung der Neuroleptika ist eine Herzensangelegenheit für uns”, sagt Schüssele. Er hofft, dass möglichst viele niedergelassenen Ärzte und Psychiater die Fachtagung besuchen und über das Thema diskutieren werden.

Der Fachtag ist am Mittwoch, 18. November, 10.30 bis 17 Uhr, Justus-Liebig-Haus, Große Bachgasse 2 in Darmstadt.

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