Sterben im Krankenhaus: Der Tod aus Sicht von Angehörigen, Pflegekräften und Ärzten

Die 2800 Mitarbeiter des Klinikums Darmstadt betreuen pro Jahr etwa 40 000 Patienten stationär. Davon sind 30 Prozent älter als 75. Viele sind multimorbid, leiden unter mehreren schweren Krankheiten gleichzeitig. Nicht immer kann ihnen geholfen werden. Das Problem: Die Begleitung eines Sterbenden ist äußerst zeitintensiv. Der normale Klinikbetrieb ist damit überfordert. Darunter leiden alle Beteiligten.

Die meisten Menschen wünschen sich, zuhause zu sterben. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Jeder Zweite stirbt laut Statistik in einer Klinik oder im Altenheim. Das folgende Beispiel zeigt, dass die Begleitung von Todkranken Pflegekräfte und Ärzte in ein Dilemma stürzt.

Katharina Müller ist beruflich als Klinik-Clown in Altenpflegeheimen unterwegs. Sterben gehört für sie zum Leben dazu. Als ihr Vater, hochbetagt und schwerstkrank, mit Atemproblemen ins Klinikum eingeliefert wurde, ging ihre Familie ganz offen damit um. “Für uns war klar: Der Vater stirbt jetzt”, erzählt sie. 

Katharina Müller hatte mit ihrem Vater schon Wochen zuvor darüber gesprochen, wie und wo er in einem solchen Fall sterben wollte: Im Altenwohnheim, von einem Palliativteam betreut. Doch schnell war klar: Für die Stationsärztin war der Patient noch nicht austherapiert, eine Palliativbehandlung kam für sie nicht in Frage. Der Vater blieb auf der Station. “Wir konnten nichts tun. Ärzte haben in solchen Fällen die Deutungshoheit”, sagt Katharina Müller. Eine Besserung trat nicht ein. Ein paar Tage später rief die Ärztin die Familie morgens an und teilte mit, dass er nun Morphium bekomme und man nichts mehr für ihn tun könnte. Für Katharina Müller war das ein Schock: “Warum hat sie nicht früher angerufen, wir wären auch mitten in der Nacht gekommen, um nochmal mit ihm zu sprechen – das hätten wir uns gewünscht.” Kurz darauf starb ihr Vater. Sein Zimmernachbar hatte sein Leiden miterlebt, war völlig aufgelöst. “Wir, die wir grad unsern Vater verloren hatten, versuchten daraufhin, ihn zu beruhigen und ihm beizustehen, bis er verlegt wurde.” Ein Unding, wie Katharina Müller findet. Dann ein weiteres Ärgernis: Das Zimmer musste laut Pflegepersonal innerhalb von zwei Stunden geräumt werden, die Leiche sollte in den Keller. Zeit, um Abschied zu nehmen, war auf der Station nicht vorgesehen. Der Konflikt spitzte sich zu. “Unser Vater wurde schließlich in den Raum der Stille gebracht”, sagt Katharina Müller. Die Familie hielt Totenwache. Den Totenschein stellte ein junger Arzt aus, der mit der Situation völlig überfordert war. “Ich hätte mir gewünscht, dass Ärzte Worte finden in dieser Situation, dass Abschiednehmen möglich ist und es eine Krisenbegleitung für Angehörige gibt”, sagt Katharina Müller.

Katharina Müllers Geschichte geht ans Herz. Und sie wirft eine Frage auf: Menschen, die in einem Krankenhaus arbeiten, sind doch Experten fürs Sterben, – oder etwa nicht?”

Die Ausbildung bereitet uns nicht darauf vor”, sagt Andreas Donner, Stationsleiter Pflege für die Bereiche Kardiologie und Intensivmedizin. Nach seiner Erfahrung braucht es einige Jahre im Beruf, bis Pflegekräfte gelernt haben, souverän mit dem Tod umzugehen. Sich Zeit für Sterbende und ihre Angehörige zu nehmen, ist im eng getakteten Arbeitsalltag nicht vorgesehen. Pflegekräfte sind in einem Akutkrankenhaus streng in die stationären Abläufe eingebunden. “Wenn drei Leute nach dir klingeln, stellt sich die Frage: Wem hilfst du zuerst?” Trotzdem sei das Pflegepersonal auf der Station ein guter Ansprechpartner. “Wir sind ja auch viel häufiger am Patienten als Ärzte.” Was er allerdings auch immer wieder beobachtet: Übers Sterben zu reden, ist in vielen Familien ein Tabu. Dies erschwere wiederum dem Pflegeteam die Betreuung. Dr. Andreas Rost nimmt die Stationsärztin, die sich um den Vater von Katharina Müller gekümmert hat, in Schutz. Sie habe alles daran gesetzt, um den Patienten zu heilen. So laute nunmal der ärztliche Auftrag, wenn ein Patient vom Notarzt eingeliefert wird. “Wir arbeiten nach objektiven Befunden.” Als Leiter der Palliativstation und des Ambulanten Palliativteams sieht er allerdings auch das Konfliktpotenzial zwischen kurativer und palliativer Medizin. Oft geht es dabei um die Frage, was man Schwerstkranken noch an Therapie zumutet: “Am Lebensende braucht es wenig Technik und viel menschliche Zuwendung”, sagt Rost.
Oft müssten in dieser Phase auch schnelle Entscheidungen getroffen werden. Leben oder Tod? Intensivstation oder Sterbebett? Am Klinikum könne dazu jederzeit ein Palliativkonsil einberufen werden. Und auch das Ethik-Komitee sei eine gute Möglichkeit, um sich mit anderen zu besprechen und auszutauschen: “Das führt oft zum Konsens”.


Effizientes Arbeiten auf der einen, individuelles Sterben auf der anderen Seite: Ist dieser Widerspruch im Klinikalltag aufzulösen?

“Trotz aller Ökonomisierung: Wir sind dran, Dinge besser zu machen”, sagt Pressesprecherin Eva Bredow-Cordier. Katharina Müllers Geschichte habe einen Prozess angestoßen. Beispielsweise sei ein Leitfaden entwickelt worden, der Pflegende und Ärzte darüber informiert, was zu tun ist, wenn jemand stirbt.”Einige Punkte hatten wir nicht auf dem Schirm”, gibt Dr. Erika Raab, Juristin und Leiterin Konzernmanagement des Klinikums, zu. “Vieles ist so im System angelegt, dass es zu einem Zielkonflikt kommt.” Sie sagt aber auch: “Eine Geschichte hat viele Wahrheiten”.

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