Schnelle Hilfe für Kinder in Krisen

Das Projekt „Anna“ – die Abkürzung steht für „Alles nur nicht aufgeben“ – hilft seit zehn Jahren Kindern und Jugendlichen, die  nicht mehr weiter wissen. Da die Krankenkassen sich nicht an der Finanzierung beteiligen, ist das Projekt  auf Unterstützer angewiesen.

Mehr als 247 000 Euro waren 2010 bei der „ECHO hilft“-Aktion für das Projekt „Anna“, das an den Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret angesiedelt ist,  zusammengekommen. „Davon zehren wir heute noch“, sagt der Oberarzt Norbert Kohl von der Abteilung Psychosomatik im Gespräch mit dem ECHO.  „Anna“ hilft jungen Menschen in Krisen:  Das können schulische und familiäre Notlagen, Liebeskummer oder auch Angststörungen sein.   „Anna“  bietet Kindern, Jugendlichen, Angehörigen und Betreuern eine kompetente Anlaufstelle ohne lange Wartezeiten. Ansprechpartner sind Psychologen, Therapeuten und Kinderärzte.

„Angefangen hatte es vor zehn Jahren  mit der Suizid-Betreuung“, erzählt Kohl.  Damals sei es immer wieder vorgekommen, dass Jugendliche, die nach Suizidversuchen in die Klinik kamen, kurzfristig keine adäquate psychotherapeutische Nachsorge fanden. Rein statistisch, so Kohl, gebe es im Großraum Darmstadt  in der Gruppe der unter 20-Jährigen etwa  zwei- bis dreimal pro Jahr einen Suizid.  „Auf einen Suizid kommen etwa 35 Versuche“, so der Kinder- und Jugendmediziner. Mit den Jahren haben sich die Schwerpunkte des Projektes  verlagert.  Es gibt ein Krisentelefon in enger Zusammenarbeit mit der Telefonseelsorge  und  eine niedrigschwellige offene Sprechstunde. Diese Angebote werden sehr  gut angenommen, sagt der Arzt. „Anna“ sei heute nicht nur  Anlaufstelle für suizidgefährdete Kinder und Jugendliche, sondern auch für Jugendliche,  die unter Depressionen oder posttraumatischen Störungen leiden.  600 bis 800 Betroffene gebe es  schätzungsweise im Großraum Darmstadt jährlich. „Etwa ein  Drittel davon  will keine Hilfe, ein  Drittel sucht sich Hilfe bei anderen Institutionen und ein Drittel kommt zu uns“, sagt Kohl. „Viele haben Depressionen, manche   haben auch eine akute psychotische Krise und hören zum Beispiel Stimmen“, erzählt der Arzt. Oft handele es sich aber auch um Menschen in familiären Krisen, die in der Sprechstunde Rat suchen. „Kürzlich war eine Frau da, deren Mann  einen Suizid begangen hatte und die sich um ihre Kinder sorgte.“ Etwa zwei bis drei Gespräche gebe es pro Patient in der Sprechstunde, bis die Patienten weiterverwiesen werden. Immer mal wieder gebe es auch Patienten, die langfristig betreut werden. „Die Klinik-Nähe ist ein Vorteil.“   Von Januar bis Mai haben in diesem Jahr bereits 300  Hilfesuchende die Sprechstunde von „Anna“ besucht, mehr als 100 haben  telefonisch Kontakt aufgenommen. „Häufig kommen die Kinder und Jugendlichen auch mit ihren Bezugspersonen zu uns“, erläutert Kohl. Oft handele es sich dabei um die Eltern, oft auch um Lehrer. „Die Schulsozialarbeit macht in Darmstadt eine gute Arbeit“, lobt der Arzt.  Ein weiter Schwerpunkt ist die Prävention. In den vergangenen Jahren wurden regelmäßig Veranstaltungen zu Themen wie Depression und  Suizidalität an weiterführenden Schulen im Großraum Darmstadt angeboten.  „Solche Veranstaltungen sind wichtig, um  das Thema Depressionen zu enttabuisieren“, sagt Kohl.

60 000 Euro braucht das Projekt „Anna“ im Jahr, um Personalstunden, Telefon- und Materialkosten bezahlen zu können, die Räume stellt die Kinderklinik zur Verfügung. Seit 2011 gibt es einen Förderverein, der das Projekt  unterstützt. Trotzdem werden  weitere Sponsoren gesucht. Die regelmäßige Finanzierung durch die Claudia-Ebert-Stiftung läuft  in vier Jahren aus. Erst kürzlich hat Kohl bei Krankenkassen in Darmstadt um Unterstützung nachgefragt. Bislang ohne Erfolg.   Kohl hofft, dass sich  Förderer finden, damit beispielsweise auch   Kindern und Jugendlichen aus  Familien, bei denen ein Elternteil an einer chronischen Erkrankung  oder eine Suchterkrankung leidet,  geholfen werden kann, bevor sie ebenfalls krank werden.    Denkbar wäre auch die Einrichtung einer kliniknahen Wohngruppe, in die Kinder und Jugendliche in Krisenzeiten einziehen können.  „Das fehlt uns noch“, sagt Kohl.

Ein Symposiumzum Jubiläum ist am Mittwoch (16. Juli) ab 15.30 Uhr im Alice-Hospital Darmstadt. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt,   Infos per Mail: britta.opel@alice-hospital.de Mehr zum „Anna“-Projekt unter www.kinderkliniken.de. Das Krisentelefon ist kostenfrei von  Montag bis Freitag von 13 bis 15 Uhr unter (08 00) 6 68 81 00 zu erreichen.

 

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